Thunfisch vor dem Kollaps

1956


Illegale Fischerei bedroht nach einer aktuellen WWF-Studie die Thunfisch-Bestände in Mittelmeer und Ostatlantik.

Jan Lock

Thunfisch
Blauflossen-Thunfische in einer Fischfarm. Bild: WWF/M. San Felix
Die Umweltschützer dokumentieren, dass die Flotten der Europäischen Union, insbesondere Frankreichs, weit größere Mengen fangen, als die offiziellen Quoten erlauben. Auch Libyen und die Türkei ignorieren die Höchstgrenzen. Der begehrte Rote Thunfisch (Thunnus thynnus) wird vor allem für die Trendspeise Sushi verarbeitet. Die Preise liegen bei über 150 Euro pro Kilo. Thunfisch ist damit ähnlich lukrativ wie Kaviar. Der wichtigste Markt ist Japan, aber auch Deutschland zählt zu den Abnehmern.
 
„Piraterie kommt leider nicht nur in Geschichtsbüchern vor. Die Kriminellen sitzen im Herzen Europas. Sie plündern mit dem Thunfisch einen der wertvollsten Schätze der Ozeane“, so WWF-Fischereiexpertin Heike Vesper. Der WWF fordert einen sofortigen Fangstopp, bis ein Plan zur Wiederherstellung der Bestände ausgearbeitet ist.
 

Opfer des Sushi-Trends

Wie der WWF-Report nachweist, wurden die Fangquoten für den Roten Thunfisch in jüngster Zeit um über 40 Prozent überschritten. Statt der erlaubten 32.000 Tonnen entnahm die Fischindustrie 2004 etwa 44.949 Tonnen, 2005 sogar 45.547 Tonnen aus dem Mittelmeer und dem Ostatlantik. Die tatsächliche Menge lag in beiden Jahren sogar weit über 50.000 Tonnen. Diese Zahl bestätigen auch die Wissenschaftler des Internationalen Fischereiabkommens für den Atlantischen Thunfisch (ICCAT), das die Fanquoten festlegt. Die Piratenfischer melden ihre Fänge häufig nicht, um so Kontrollen zu entgehen und Steuern zu sparen. Zudem wird der Thunfisch oftmals bereits an Bord verarbeitet und direkt an die Importländer geliefert.
Jan Lock

Jan Lock

Thunfisch
Spanischer Thunfisch-Trawler. Bild: WWF/Jorge Bartolome
Die wichtigste Triebfeder für das illegale Geschäft ist laut WWF die ungezügelte Ausweitung der Fischzuchten im Mittelmeer. In den Aquakulturen werden im Meer gefangene Thunfische gemästet und dann weiter verarbeitet. Die Zucht gefährdet auch andere Arten, denn für jedes Kilo Thunfisch werden über 20 Kilo Fisch verfüttert. Die Europäische Union subventioniert Zuchten und Fangflotten. „Der Raubbau wird aus Steuergeldern finanziert“, erläutert Vesper. Der WWF fordert die EU auf, die Subventionen zu streichen und ihre tragende Rolle in der ICCAT zu nutzen, um die Plünderung zu stoppen. „Die EU-Kommission darf nicht länger zusehen, wie eine jahrhundertealte Fischerei zugrunde gerichtet wird.“
 
Die Bestände des Roten Thunfischs sind massiv überfischt. So fangen traditionelle Fischer in der Straße von Gibraltar heute 80 Prozent weniger Thunfisch als noch zu Beginn der 1990er Jahre. Die großen Flotten weiten derweil ihre Fangzonen bis in die Brutgebiete des Thunfischs aus. „Es ist ein unheilvoller Wettlauf mit der Zeit, bei dem alle nur verlieren können. Die Thunfisch-Bestände kollabieren. Die Fischer verlieren ihr Einkommen. Und die Verbraucher müssen dauerhaft auf den schmackhaften Fisch verzichten“, so Vesper. Ein Roter Thunfisch wird bis zu zwei Meter lang, 700 Kilo schwer und erzielt Geschwindigkeiten von bis zu 70 km/h. Er kann den Atlantik in nur 40 Tagen durchqueren.
 
-pm-
Jan Lock

Aboangebot