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Der Hecht-Papst öffnet sein Archiv

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Im 4. Teil unserer Serie auf Raubfisch.de zeigt Jan Eggers, dass Hechte trotz unappetitlicher Krankheiten immer noch an die Angel gehen.

 

Bild: Jan Eggers
Pertii Rautio mit dem ersten Hecht mit Lymphosarkom, den Jan Eggers fotografieren konnte. Bild: Jan Eggers
Das erste Foto eines kranken Hechtes machte ich im Herbst 1983 auf den Aland-Inseln, einer Inselgruppe zwischen Stockholm und Helsinki. Ich war dort auf Einladung von Rapala und dem Finnischen Ministerium für Export. Die Reise hat zwei Gründe: Zuallererst wollte ich Pertti Rautio, den Export-Manager von Rapala besser kennenlernen. Das Ministerium war interessiert an Adressen von Ansprechpartnern bei Gerätegroßhändlern und Angelzeitschriften in Europa und Amerika. Und ganz nebenbei gab es dort in den Schären hervorragende Möglichkeiten, um Hecht, Barsch, Meerforelle und auch Dorsch und Lachs zu fangen. Wahrscheinlich waren wir genau zur falschen Zeit dort, denn wir mussten hart arbeiten, um pro Person und Tag mehr als zehn Hechte an den Haken zu bekommen. Normalerweise waren dort damals 50 Hechte pro Tag durchaus normal.
 

 

Bild: Jan Eggers
Keinen großen Einfluss auf den Appetit: Ostsee-Hecht mit Lymphosarkom im Drill.
Es ist 30 Jahre her, deshalb kann ich jetzt auch den besten Kunstköder der Woche verraten: Nils Master Invincible. Ich habe Pertti immer daran erinnert, wenn wir irgendwo zusammen gefischt haben und auf seine Rapala-Wobbler partout nichts beißen wollte. Aber zurück zum eigentlichen Thema.
Ich hatte damals ein Foto aufgenommen, auf dem Pertti einen Hecht mit einem kleinen Geschwür vorzeigt. Die Wucherung glich einem aufgeplatzten Geschwür, aus dem eine blutähnliche Flüssigkeit austrat. Wir fingen noch weitere Hechte mit zahlreicheren und größeren Krebsgeschwüren, so nannten wir sie damals jedenfalls. Mir wurde erzählt, dass diese Krankheit unregelmäßig ausbricht. In manchen Jahren fing man ungewöhnlich viele dieser verunstalteten Hechte.
 

 

Bild: Jan Eggers
Auch die andere Flanke des Hechtes war voller Geschwüre.

Auf der Rückreise besuchte ich in Helsinki Dr. Lauri Koli, den Hechtprofessor von Finnland, der mich regelmäßig mit Informationen von kapitalen Hechten versorgte. Er erzählte mir, dass es sich bei den Wucherungen um die Krankheit Lymphosarkom (engl. Lymphosarcoma) handele. Die Krankheit solle vor allem im Brackwasser der Ostsee vorkommen, und es soll Jahre geben, in denen 10 bis zu 21 Prozent der Hechtpopulation davon betroffen sind. Ein bestimmter Typ-C-Virus soll der Übeltäter sein. Die Geschwüre entwickeln sich im Herbst und Winter und können dann in den Sommermonaten wieder verschwinden. Sie bilden sich an den Flanken, den Flossen, am Kopf und am und im Maul des Fisches. Man nimmt an, dass ein Hecht mit einem großen Geschwulst in Maul geringere Überlebenschancen hat, als ein Artgenosse mit einem kleinen Geschwür an der Schwanzflosse. Der Wissenschaftler gab mir noch folgenden Rat: „Setze diese Hechte ruhig zurück!“ Und das sagt ein Finne, der gerne Hecht isst, nicht leichtfertig.

 

 

Bild: Jan Eggers
Trotz des großen Tumors auf dem Unterkiefer nahm dieser Hecht noch einen Wobbler. Bild: Jan Eggers

In den 30 Jahren nach dem Fang meines ersten Hechtes mit Lymphosarkom konnte ich noch einige dieser Fische erwischen, etwa in Skandinavien und Nord-Kanada, und sogar in den Niederlanden.

Ein Buch bringt die Lösung

In den letzten Jahren habe ich nach und nach auch Bilder von niederländischen und belgischen Hechten mit tennisballgroßen Tumoren erhalten. Diese Geschwulste sehen etwas anders aus, als die Geschwüre aus den schwedischen Schären. Als mir der erste holländische „Patient“ vorlag, gab es noch kein Internet, ich konnte also noch nicht googeln, um den Namen der Krankheit herauszufinden. Glücklicherweise entdeckte ich 1997 das Buch „Pike, Biology and Exploitation“ von John F. Craig. Ein sehr wissenschaftliches Buch mit 300 Seiten Informationen über meinen Freund, den Hecht und seine Familie. Ich fand darin viele Informationen über die Viren, Bakterien und Pilze, die der Hecht-Familie das Leben schwer machen. Leider gab es zu den Krankheiten keine Abbildungen im Buch, die Beschreibungen waren aber so gut, dass ich die Leiden der Hechte auf meinen Fotos eindeutig zuordnen konnte.

 

 

Bild: Jan Eggers
Kein schöner Anblick: Ein Hecht mit großem Tumor unter der Haut, gefangen von Piet Driessen. Bild: Jan Eggers
Die Hechte aus den Niederlanden mit großen Geschwüren – unter der Haut oder auch aufgeplatzt – litten offenbar am Esox-Sarcoma-Virus. Der Erreger lässt ein weißliches Geschwür wachsen, das schlussendlich aufplatzt. Dieser Virus vom Typ C kommt sowohl in Europa als auch in Nord-Amerika vor.
 
Gewässerverschmutzung ist ein wichtiger Faktor bei der Entstehung und Verbreitung dieser Viren. John Craig bemerkte in seinem Buch, dass diese kranken, infizierten Hechte trotzdem noch auf Natur- und Kunstköder beißen und auch noch einen guten Drill liefern. Vor allem im frühen Stadium der Krankheit haben die Hechte noch Appetit. Ich persönlich habe verschiedentlich Hechte mit den beschriebenen Tumoren gefangen, die in schlechter bis sehr schlechter Verfassung waren. Sehr abgemagert, meistens befallen mit den verschiedenartigsten Parasiten, wie etwa Blutegeln. Von einem großartigen Drill konnte bei den meisten Fischen  nicht mehr die Rede sein.
 

 

Bild: Jan Eggers
Frank Caes mit einem Hecht mit offenem Tumor – keine Augenweide. Bild: Jan Eggers
Als Fänger stellt man sich die Frage: Was macht man mit einem Hecht in solch schlechter Verfassung? Ich kenne Kollegen, die würden den Patienten am liebsten mit einem Schlag auf den Kopf von seinen Leiden erlösen. Ich bin der Meinung, dass Mutter Natur das selbst regeln muss. So entspricht man auch den vielerorts hier in den Niederlanden geltenden Fischereigesetzen, die das Zurücksetzen aller Hechte vorschreiben. Nur einmal habe ich einen sehr kranken Hecht von seinem Leiden erlöst: Das war in Kanada am Großen Sklavensee, dem besten Großhechtgewässer der Welt, das ich kenne.
 

 

Bild: Jan Eggers
Jan Eggers hat sich nicht unbedingt gefreut, als dieser Hecht mit „Red Sore Disease“ seinen Löffel packte. Bild. Jan Eggers

Bakterium ist der Übeltäter

Ich weiß nicht ob „Rotflecken-Krankheit“ die richtige deutsche Bezeichnung für die bei uns vorkommende Krankheit „Red Sore Disease“ ist (oder auch „Cuma Scuki“ genannt). Nach dem Buch von Craig waren sich die Wissenschaftler Ende der 1990er Jahre noch nicht sicher, welches Bakterium der Auslöser der Erkrankung ist. Naja, es interessiert uns Hechtangler ja auch nicht sonderlich, ob Aerobacter cloacae oder Pseudomonas fluorescens der Übertäter ist. Fakt ist, dass niemand es appetitlich findet, wenn er einen blutunterlaufenen, stark verpilzten  Hecht abhaken muss. Man hat herausgefunden, dass bei dieser Krankheit Stress ein Auslöser sein kann. Deshalb sollten Hechte, die zurückgesetzt werden müssen (wie in den Niederlanden vielerorts vorgeschrieben), möglichst schonend behandelt werden. Vor allem beim Keschern oder Hältern kann es zu kleinen Verletzungen an den Flanken oder Flossen kommen. Fische, die etwa mit trockenen Händen angefasst oder auf dem Boden abgelegt werden, sind vor allem bei höheren Wassertemperaturen anfälliger für viele Krankheiten.

 

 

Bild: Jan Eggers
Diesen Hecht mit „Red Sore Disease“ musste Jan Eggers abschlagen. Bild: Jan Eggers
Manchmal entstehen bei Hechten aber auch große Wunden aus einem ganz anderen Grund. Hier spielt nicht Stress sondern die Hormone eine bedeutsame Rolle. Ich meine die in jedem Jahr stattfindende Laichzeit. Zu dieser Paarungszeit können sich die Hechte ordentlich verletzen. Im vergangenen Jahr habe ich mit dem Berufsfischer Ate Lageveen im Frühjahr Reusen geleert, darin fanden wir zahlreiche Hechte mit Wunden, die noch offen oder bereits verheilt waren. Diese Wunden heilen schnell, im Sommer sehen die Hechte wieder normal aus.
 
Ich bin mittlerweile 19 Male Anfang Juni in den Norden von Kanada gereist, um dort kurz nach dem Verschwinden der Eisbedeckung und kurz nach der Laichzeit auf sehr aktive Hechte zu fischen. Dort kann man regelmäßig Hechte mit „Liebesbissen“ und aufgescheuertem Rücken sehen. Warum aufgescheuerte Rücken? Wegen der strengen Winter wird das Eis am Great Slave Lake zwei Meter dick, die Hechte sind es gewohnt im Flachwasser unter dem Eis zu laichen. An den untiefen Stellen scheuern sich die Fische am Eis den Rücken auf. Für die Liebe muss man schon etwas Einsatz zeigen, nicht wahr… Diese Hechte kämpfen wie Löwen. In dem kalten Wasser können Bakterien und Pilze ihnen nichts anhaben.
 

 

Bild: Jan Eggers
Ein großer Hecht mit Laichspuren, deutlich sichtbar am Rücken. Diese Wunden heilen in der Regel schnell. Bild: Jan Eggers

Jetzt komme ich zum Ende. Es sind weitere Hechtkrankheiten bekannt, die kommen dann in der nächsten Fortsetzung meiner Serie an die Reihe. Ich hoffe, dass kein Leser von diesen nicht allzu appetitlichen Fotos Alpträume bekommt. Sollte jemand ähnlich kranke Hechte fotografiert haben, dann mailt sie mir bitte zu. Am Ende werden die besten Leserbilder in dieser Serie veröffentlicht.

Jan Eggers
 
 

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