Ärger in der Barschburg

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Solche Hechte stehen gerne am Barschberg. Dank eines dünnen Stahlvorfachs konnte dieser Hecht am feinen Gerät gelandet werden.
Solche Hechte stehen gerne am Barschberg. Dank eines dünnen Stahlvorfachs konnte dieser Hecht am feinen Gerät gelandet werden.

Große Barsche und kapitale Hechte passen gut zusammen, jedenfalls teilen sie sich gerne denselben Gewässertyp. Zum Leidwesen der Barschangler, die müssen nämlich zwangsweise grob angeln, um Hechattacken parieren zu können. Aber stimmt das überhaupt? Von Birger Domeyer

Es ist zum Mäusemelken: Da fischt man nichtsahnend auf einem Unterwasser-Plateau mit feinem Gerät und kleinen Gummifischen und fuchst sich gerade in die Vorlieben der Stachelritter rein. Alle paar Würfe wechselt man den Köder, wird kleiner, schlanker, wählt mal ein dunkles Dekor, dann wieder ein chartreuses, weil die Barsche keine fünf Würfe dasselbe Dekor akzeptieren. Plötzlich folgt ein etwas härterer Biss, und die Schnur ist schlaff. Ein Hecht hat das feine Fluorocarbonvorfach durchgebissen.

Ein typisches Szenario, das immer dann passiert, wenn man nicht damit rechnet. Dabei muss man eigentlich immer mit Hechten beim Barschangeln rechnen, denn beide Spezies bewohnen den gleichen Gewässertyp. Nicht nur das, sie besetzen auch häufig die gleichen Plätze, was für die Barschangler mit ihren feinen Montagen Konfliktpotenzial bietet. Einerseits möchte man ja gerne möglichst viele Barschbisse generieren, andereseits keine Haken in den scharfen Hechtzähnen zurücklassen. Mit ein wenig Kompromissfähigkeit ist das Problem jedoch lösbar. Bevor wir jedoch auf konkrete Montagen zu sprechen kommen, schauen wir uns das Zusammenleben von Hechten und Barschen genauer an. Denn wer die Biologie der beiden Spezies versteht, kann auch über die Wahl der Angelstrategie ein wenig beeinflussen, welchen Raubfisch er ans Band bekommt.

Bevor der erste Köder in die Talsperre fliegt, wird die Montage hechtsicher gemacht.
Bevor der erste Köder in die Talsperre fliegt, wird die Montage hechtsicher gemacht.

HECHTE STEHEN FLACHER

Betrachten wir den typischen Baggersee oder eine klare Talsperre, dann fällt auf, dass Hechte durchaus Interesse am flachen Wasser haben. Ein biologischer Grund dafür könnte sein, dass sie bei der Jagd stark auf ihre Augen angewiesen sind und mehr Licht ihnen dabei zugute kommt. Ist die Uferregion stark verkrautet, findet man direkt in oder auch am Rand dieses Krauts immer Hechte. Ist eine Talsperre bewuchslos, stellen sie sich eher ins Freiwasser, dort auch gerne oberflächennah über tiefem Wasser.

Gleiches könnte man jetzt auch vom Barsch behaupten, denn sein Sehvermögen unterscheidet sich nicht großartig von dem des Hechtes. Auch Barsche mögen grundsätzlich flaches, warmes Wasser, in das sie auf die Jagd nach Fischbrut ziehen können. Wären da eben nicht die angesprochenen Hechte. Barsche sind durchaus in der Lage, einem gefährlichen Räuber auszuweichen und sich entsprechend anzupassen. Da Hechte vor allem von unten nach oben jagen, ist es nur schlau, sich tendenziell unter den Hechten aufzuhalten. In dieser Hinsicht nehmen es Barsche in Kauf, den Kürzeren zu ziehen. Das typische Echolotbild im Freiwasser zeigt uns Anglern oft recht deutlich, wie so eine Trennung aussieht. Sehr große Fische (oft Hechte und Zander) finden sich zwischen zwei und sechs Metern Wassertiefe, die Barschschwärme stehen dagegen in der Regel eine Etage tiefer zwischen acht und zwölf Metern. Nur zum Jagen in der Morgen- und Abenddämmerung bauen Barsche auf den Schutz des Schwarms und wagen sich Richtung Oberfläche ins Revier des Hechtes.

So geht‘s: Der kleine Barschgummi fängt auch mit Stahl gut.
So geht‘s: Der kleine Barschgummi fängt auch mit Stahl gut.

Der Barschbuckel

Barsche passen auch ihren Körperbau dem Fraßdruck an, man nennt das morphologische Verteidigungsmechanismen. Kommen in dem Gewässer viele Hechte vor, bildet sich bei Barschen der typische Buckel aus. Er soll die Silhouette vergrößern, in der Hoffnung, zumindest kleinere, interessierte Räuber eine zu große Beute zu suggerieren. Gleichzeitig wächst auch der erste Rückenstrahl in die Länge. Untersuchungen in Aquarien haben gezeigt, dass dieses Phänomen alleine durch die Anwesenheit eines Hechtes hervorgerufen werden kann. Im Umkehrschluss bedeutet das für Kapitalenjäger: Möchte man einen wirklich großen, imposanten Barsch fangen, wird man nicht drumherum kommen, in Gewässern mit Hechtbestand zu fischen. Quelle: Eckmann, E. et al: Der Flussbarsch. Westarp Wissenschaften Verlagsgesellschaft mbH (2013).

Dickbarsch mit Buckel: Hier muss es Hechte geben, ein Stahlvorfach macht Sinn.
Dickbarsch mit Buckel: Hier muss es Hechte geben, ein Stahlvorfach macht Sinn.

Ein noch extremeres Ausweichverhalten kenne ich aus dem Laacher See. Das Freiwasser beinhaltet sehr viele Hechte und Schwärme aus kleinen Maränen, die als Futterfisch dienen könnten. Die Barsche verzichten jedoch komplett auf diese Futterquelle, Freiwasserjagden mit eintauchenden Möwen gibt es hier nicht. Das Risiko, mit großen Hechten in Kontakt zu treten, ist es den Barschen offensichtlich nicht wert, sich in diese schutzlose Region zu wagen. Sie halten sich fast nur an den recht steilen, üppig mit Kraut bewachsenen Scharkanten auf und fressen hier die ebenfalls reichlich vorkommenden Rotaugen und die eigenen Artgenossen. Das dort wachsende Kraut reicht bis in knapp sechs Metern Tiefe, erst hier kann man mit Barschen rechnen, selten flacher. Der Grund: Im Kraut stehen ebenfalls Hechte, eine Etage tiefer lebt es sich anscheinend sicherer.

Auch gewisse Areale scheinen Barsche zu meiden, wenn dort regelmäßig Kollegen aus dem Schwarm gefressen werden. So kenne ich gewisse Plateaus oder Uferlinien im Rheindelta, in denen die Chance auf kapitale Hechte recht gut ist. Mit den großen Barschen braucht man hier aber eher weniger zu rechnen. Ist der erste Fisch auf einem Plateau direkt ein vernünftiger Hecht, wird es unwahrscheinlich, dass hier ebenfalls ein Schwarm Dickbarsche auftaucht.

So viel Mühe sich Barsche jedoch geben, dem Fraßdruck der Hechte zu entgehen, es wird nie ganz klappen. Denn letztlich stehen auch die Stachelritter auf dem Speiseplan der Hechte, und die „Barschspezialisten“ unter ihnen werden sich immer in deren Nähe aufhalten. Wir kommen also als Angler zwangsläufig früher oder später mit jedem Köder in die Fänge der scharfen Zähne. Wirklich jedem? Oder lässt sich hier auch etwas entschärfen?

Dieser große Talsperren- Barsch hat sich nicht am Stahl gestört.
Dieser große Talsperren- Barsch hat sich nicht am Stahl gestört.

MONTAGEN NUR FÜR BARSCH?

Vorab möchte ich ganz klar betonen, dass es wirklich keinen einzigen Köder gibt, bei dem die Chance, einen Hechtbiss zu bekommen, gleich null ist. Dafür sind die Räuber viel zu opportunistisch und flexibel bei der Beutewahl. Immerhin wurde der mit über 25 Kilo größte Hecht in Deutschland von Karpfenanglern auf einen Boilie in der Geschmacksrichtung „Weiße Schokolade“ gefangen. Das sagt eigentlich schon alles. Trotzdem gibt es ein paar Dinge, die auf Hechte deutlich verführerischer wirken. Grelle Köder zum Beispiel. Ich weiß nicht genau warum, aber Hechte lieben chartreuse, extrem uv-aktive Köder, auch im klaren Wasser. Barsche, vor allem die kapitalen, übrigens gar nicht so gerne. Bei denen ist man mit Naturfarben deutlich besser aufgestellt. Schnell gejiggte Köder mit viel Aktion sind auch so ein Problem. Egal ob am Texas-Rig oder am Jigkopf, Hechte fahren darauf ab und schlucken den Köder auch oft tief. Ohne Stahl geht da gar nichts. Eine Methode, bei der Hechte extrem selten beißen, ist das Angeln direkt an der Oberfläche mit Stickbaits im Freiwasser. Wenn dort abends die Barsche jagen, ist eine Hechtattacke unwahrscheinlich. In einem Seerosenfeld dagegen wird man nicht lange warten müssen, bis eine kleine Hechtrakete mitsamt Köder steil aus dem Wasser schießt.

DER FEINSTE KOMPROMISS

Dem interessierten Barschangler ist schon aufgefallen, dass es eigentlich keine andere Möglichkeit gibt, als sich seine Montagen hechtsicher zu knüpfen. Alles andere wäre den Hechten gegenüber nicht waidgerecht, denn Abrisse bedeuten nicht nur Köderverluste, sondern auch unnötige Schäden am Fisch. Und die wollen wir umgehen. Außerdem kann so ein großer Hecht am feinen Barschgeschirr mehr als nur ein Trostpflaster für die nicht gefundenen Stachelritter sein.

Also bemühen wir die Bastelkiste. Fakt ist, dass wir nicht viele Vorfachmaterialien zur
Verfügung haben. Sämtliche Schnüre aus Monofil, Hardmono oder Fluorocarbon fallen als Vorfachspitze aus, denn sie sind alle nicht bissfest. Und wenn, dann nur in Durchmessern, die dem Barschangler wenig nützen. Denn so ein Miniwobbler am einen Millimeter dicken Vorfach läuft wirklich bescheiden. Fakt ist aber leider auch, dass gerade Barsche recht empfindlich auf dicke Schnüre reagieren. Ist unsere Montage zu grob, gibt es weniger Bisse.

Wir überlegen also mal ganz genau, was wir zwingend brauchen und specken ab. Eine geflochtene Schnur wäre schon ganz gut, dazu ein Fluorocarbonvorfach. Die zwei Materialien lassen sich gut mit dem Doppelten Grinner verbinden.

Der Knoten hält gut und ist unauffällig. Von Metallteilen wie Knotenlosverbindern kann ich nur abraten, daran sind Barsche zu sehr interessiert und schauen sich entweder dieses Bauteil abgelenkt an oder wittern gleich den ganzen Betrug unserer Montage. Also verzichten wir auf jeden unnötig glänzenden Schnickschnack, soweit es möglich ist.

Anschließend brauchen wir eine Stahlspitze. Jetzt wird es etwas kniffliger. Das Material muss weich, dünn und matt sein. Am besten knotet man es per Albright-Knoten an das Fluorocarbon. So spart man wieder zwei glänzende Metallteile, nämlich die Quetschhülse und irgendeine Art Wirbel. Möchte man seinen Köder nicht viel tauschen, empfiehlt es sich, diesen per Rapala-Schlaufe direkt an das Stahl zu knoten. Alternativ nutze ich am Ende aber meistens eine kurze Quetschhülse und einen kleinen Einhänger. Das sind dann die einzigen Teile, die nicht wirklich zum Köder gehören, aber ganz ohne geht es eben nicht, so ist das bei Kompromissen.

Flussbarsche stören sich grundsätzlich weniger an Vorfächern, so wie dieser.

Mit dieser Montage habe ich bisher nur sehr selten feststellen können, dass ein Vergleichsangler mit durchgängigem Fluorocarbon ohne Stahl besser gefangen hat. Wenn man sehr flach in glasklarem Wasser fischt, kein Wind geht und dazu noch kleine Köder unter fünf Zentimeter Länge benutzt, ist selbst diese Montage für Barsche manchmal zu auffällig. Wobei interessanterweise das Abreißen der Beißfreudigkeit erst nach ein paar gefangen Fischen einsetzt. Die ersten Barsche sind, wahrscheinlich dem Futterneid geschuldet, noch recht arglos bei dieser Montage. Und da die ersten Barsche oft die größten aus dem Schwarm sind, verpasst man in der Regel nach hinten raus nicht viel.

Fischt man viel mit Ködern, die zu häufigen Überschlägen neigen, wie etwa Wobblern oder Jigspinnern, kann ich statt des Stahlvorfachs ein dünnes Titanvorfach empfehlen. Die gibt es mittlerweile auch als Mehrfachgeflecht und sind dann etwas weicher als die einsträngigen Titanmaterialien. Beide lassen sich knoten, sind aber kaum knickempfindlich. Diesem Vorteil steht ein einschlägiger Nachteil gegenüber, nämlich die Steifigkeit, welche einen Einfluss auf den Köderlauf hat. Bei zu kleinen Ködern würde ich also eher zu Stahl raten und dieses häufiger wechseln, wenn es verkringelt ist.

SONDERFALL FLUSS?

Auch im Strom kann man oft sehr große Durchschnittsbarsche fangen, vor allem im Sommer. Oft beißen sie zufällig beim Zanderangeln mit nicht allzu großen Ködern, dabei kann ich nur empfehlen, sich diesen Flussbarschen gezielter zu widmen. Dazu sollte man ein bisschen abseits der üblichen Zanderstellen fischen und mehr in die Buhnenkessel und in die krautigen, nicht zu stark strömenden Randbereiche wechseln. Oft halten sich Barsche auch im Fluss sehr flach auf. Der Unterschied zu den Talsperren- und Klarwasserseen-Barschen ist vor allem bei der Vorfachfrage eklatant. Durch das in der Regel trübere Wasser im Fluss und die Strömung haben die Barsche hier weniger Zeit, sich den Köder genau anzusehen. Entsprechend unvorsichtiger sind sie.

Das bedeutet, dass wir unsere Montage lieber etwas haltbarer gestalten können, dazu den Köder größer. Sieben oder zehn Zentimeter lange Gummifische sind schon okay, wenn man einen 40er Barsch verhaften möchte. An diese Köder passt auch ein acht Kilo tragendes Stahlvorfach, das mit Quetschhülsen oben und unten sowie einem Wirbel versehen wird. So erhalten wir die maximale Tragkraft der Verbindung und müssen nicht fürchten, dass glänzende Metallteile die Räuber argwöhnisch werden lassen. Außerdem muss man im Fluss mit mehr Hängern rechnen, da kann es nicht schaden, ein paar Kilo beim Vorfach draufzupacken.

Barschvorfächer: Fein und bissfest…

Hechtgefahr?

1. Jiggen mit Gummifischen oder Texas-Rig: Die Hechtgefahr ist sehr hoch, vor allem wenn mit aktionsreichen Ködern und grellen Dekoren gefischt wird.

2. Carolina-Rig: mittel bis gering. Langsam geführt mit naturfarbenen Creature-Baits eher nicht so interessant für Hechte.

3. Dropshot: mittel bis gering. Kleine Pintails
wirken schon eher gezielt auf Barsch, wobei manchmal das Dropshot-Blei von Hechten abgebissen wird.

4. Wobbler, Jigspinner: Sehr hoch, gerade Spinnerblätter locken sie magisch an.

5. Oberflächenköder: Im Kraut gefährlich, im Freiwasser dagegen eine sehr geringe Hechtquote.

Chartreuse kleine Gummifische mit Aktion stehen bei Hechten hoch im Kurs, die darf man niemals ohne Stahl fischen.
Chartreuse kleine Gummifische mit Aktion stehen bei Hechten hoch im Kurs, die darf man niemals ohne Stahl fischen.
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