Made in DDR

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War Angelgerät „von drüben“ Schrott! Ganz und gar nicht, denn Materialmangel trieb die Ost-Hersteller zu bemerkenswerter Kreativität.

Thomas Kalweit

Unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg wurde das Angelgerät für die russisch besetzte Zone noch vornehmlich im Westen Deutschlands produziert. Die Grenzen waren durchlässig ? und viele große, traditionsreiche Angelgerätefirmen, wie etwa die Deutsche Angelgerätemanufaktur DAM, saßen im Westen Berlins. Zum Zeitpunkt der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 existierten aber auch noch zahlreiche kleinere Angelgeräte-Hersteller auf dem Gebiet des sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates. Die Verstaatlichung aller Privatbetriebe wurde erst 10 Jahre später komplett abgeschlossen.

Gerätemangel

Zu Beginn der 50er Jahre vertrieb auch das traditionsreiche Leipziger Kaufhaus „Berndt, Lax & Co.“ ein notdürftiges Angelgeräteprogramm, vornehmlich aus Vorkriegs-Lagerbeständen. Die uralte Spleißenmaschine zur Herstellung von gespließten Ruten – die einzige in gesamten Ostbereich – stand bei „Belaco“ eingemottet im Lager. Richard Lehmann tüftelte in der Messestadt zusammen mit seinem Techniker Richard Leidert an der Entwicklung einer Stationärrolle mit einer damals revolutionären, lautlosen Rücklaufsperre. Es sollten weltmarktfähige Präzisionsrollen werden, denn die Firma „Rileh“ stellte vor allem Messgeräte her.

Jan Lock


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Emte Delphin
Eine der ersten Rollen mit Heckbremse: die Emté-Delphin vom Ingenieur Treppenhauer in Dresden.
1955 startete Kurt Zick – späterer Vorsitzender der zentralen „Fachkommission Geräte“ des Deutschen Anglerverbandes der DDR – einen verzweifelten Aufruf in der Ost-Fachzeitschrift „Deutscher Angelsport“. Unter dem Titel „Was sagen die Hersteller?“ suchte er nach Produzenten von Angelgeräten, um die Versorgung der Sportangler sicherzustellen.
Einer der wenigen Angelruten-Hersteller war Oswald Kuckuck aus Großkorbetha, es fehlte ihm aber an geeignetem Bambus. Alle Versuche mit heimischen Hölzern schlugen fehl, sie verloren schon nach wenigen Angeltagen ihre Standfestigkeit und Spannkraft. Endlich konnten geringe Mengen Bambus aufgetrieben werden, die Belaco-Spleißenmaschine wurde reaktiviert. Doch jetzt fehlten abriebfeste Ringe mit Hartchromauflage. Die Galvanikfirma Schlegel in Weißenfels lieferte erstmals dauerhaft haltbare Spitzenringe, das „Berliner Metallhütten- und Halbzeugwerk“ stellte die übrigen Ruten-Beschläge her. Auch an Messinghülsen fehlte es an allen Ecken und Enden. Mehr aus Not entwickelte Oswald Kuckuck die „metalllose Übersteckhülse“, heute Standard bei allen Steckruten. In den Folgejahren produzierte auch Hersteller wie die „Produktionsgenossenschaft des Tischlerhandwerks Weißenfelser Einzelmöbel“ oder „Fritsche & Herzig“ in Großpostwitz Angelruten. Immer wurde jedoch die herausragende Qualität von Kuckuck-Ruten gerühmt.

Jan Lock

 


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Wobbler von Grossmann aus Böhlen
Wobbler im Räuchermännchen-Stil: gedrechselte Holzköder der Firma Grossmann aus Böhlen.
Im Kleinmetallwarenwerk Heiligenstadt, Eichsfeld, lief die Angelhaken-Produktion an. Auf Umwegen wurde ein Automat zur Hakenherstellung aus der BRD beschafft. Die DDR-Rollenhersteller kämpften um die Zuteilung von Buntmetall und Leichtmetall-Legierungen. Im „Deutschen Angelsport“ rief Kurt Zick deshalb Mitte der 50er Jahre zur DDR-weiten Buntmetall-Sammlung unter Anglern auf.
Es gab auch Unterstützung aus der BRD: 1958 gründete der Westdeutsche Hans Wagner in Sebnitz die „Sächsische Glasfaserindustrie SGI“. Er entwickelte dort Vollglas-, 1963 auch die erste Hohlglasrute der DDR. Aber es fehlte der Kork für die Rutengriffe! Versuche mit Presskork und geschäumter Plaste schlugen fehl, schon nach wenigen Angelversuchen bröckelten die Griffe. Die Lösung wurde in der ehemaligen ČSSR gefunden, dort stellte die Schuhfabrik „Bata“ in Gottwaldow unter der Bezeichnung „Korkfant“ einen Korkersatz her. Das Imitat war aber auch nur eine Übergangslösung. Die Weiterentwicklung der Hohlglasruten durch die Verwendung von Kohlefaser wurde von Staatsseite aus „strategischen Gründen“ abgelehnt.
Auch der Bedarf an Angelrollen konnte in der Folgezeit immer besser gedeckt werden: Zu nennen sind aus den 50er Jahren die Rollenmodelle „Püppche“ aus Mahlsdorf, „Müller“ aus Rostock und „Neulac“ aus Coswig bei Dresden. Später stellte „Plastimat“ in Oranienburg die Kunststoff-Rollen „PMO“, „Bambi“, „Plasti“ und „Nixe“ her. Zu erwähnen sind auch noch die Rollen-Klassiker „Alligator“, „Libelle“ und „Möwe“ von Emté.
Kleingeräte wie Spinner, Wobbler und Blinker unterlagen nicht der offiziellen Gütequalifizierung, deshalb konnten „materialseitige Qualitätsprobleme“ bei Angelhaken nie ganz gelöst werden. Vor allem die zu tief eingeschnittenen und wie zufällig über den Haken verteilten Widerhaken dienten oft mehr als Sollbruchstelle.
Auf der Leipziger Frühjahrsmesse präsentierten 1955 fünf Firmen Kunstköder aus der DDR: „Bubach, Rohde und Söffge aus Berlin und Lehmann aus Leipzig zeigten Blinker in reicher Auswahl und zum Teil in recht guter Ausführung. Was fehlte waren Wobbler“, bemängelten damals die Redakteure im „Deutschen Angelsport“. Kritik war noch erlaubt.
1960 gab die DDR-Großhandelsgesellschaft „Sportartikel“ den ersten Katalog über Angelgeräte heraus. Neben den legendären Stationärrollen Emté-Delphin des Ingenieurs M. Treppenhauer aus Dresden – die wohl erste deutsche Rolle mit Heckbremse – und den Rileh-Stationärrollen von Richard Lehmann aus Leipzig fanden sich auch Kunstköder im Angebot: Heintz-Blinker und Z-Blinker vom Volkseigenen Betrieb „Präwema“ in Markneukirchen, dieses Prägewerk stellte normalerweise Orden her. Des Weiteren waren im Angebot Otto-Spinner von Gerhard Bubach und Zepp- und Kraut-Blinker von „Otto Rhode Erben“, beide Firmen aus Berlin. Einen einfachen Devon-Spinner brachte Fritz Schlegel aus Grosskorbetha in den Handel. Die vielleicht interessantesten Kunstköder aus dem deutschen Osten produzierte Grossmann in Böhlen: Seine gedrechselten Wobbler erinnerten stark an Gliedmaßen von Erzgebirgs-Räuchermännchen, fingen aber ihren Fisch.
Das „VEB Solidor Heiligenstadt, Kombinat für Hartkurzwaren“ hatte in der Folgezeit den bekannten „Heiligenstädter Spinner“ im Programm, im Grunde ein Nachbau des Mepps-Aglia. Mit „SO“ gemarkt, verließen auch originelle Raupenblinker die Blechstanzen. Der an den Seiten gezackte Blechstreifen war fängig auf kleinere Raubfische.

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Rileh-Krautblinker
Ostalgie: Jenzi lässt neuerdings den Rileh-Krautblinker wieder aufleben, als Erich-Blinker – „Honni“ lässt grüßen – hängt er nun auch in westdeutschen Angelläden.

Gütesiegel Germina

Unter der Handelsmarke „Germina“ kamen in den späteren Jahren der DDR von verschiedenen Herstellern produzierte Angelgeräte in den Handel. Zu den bekanntesten Germina-Kunstködern zählte der Choppi-Spinner mit wellenförmig geripptem Blatt – ein Nachbau des Reflex-Spinners von Abu. Aber auch Köder mit den Namen Twist, Croon, Facet und Smart waren im Angebot. Besonders interessant, der Wobbly-Blinker, dessen Lauf an einen Wobbler erinnerte, dank eines abgeknickten Blinkerblattes mit Tauchschaufeleffekt. Skurril erscheinen heute die englisch anmutenden Ködernamen, die entfernt an beliebte DDR-Vornamen wie Maik und Mandy erinnern.

Auch das „VEB Schreibgeräte“ in der Boxhagener Straße in Berlin stellte unter der Handelsmarke „Germina“ zahlreiche Köder her: SF-Spinner, Zepp-, Pilz-, Kraut-, Heintz-, Germina- und Vario-Blinker. Vor dem Zusammenschluss zu Germina wurden viele Kunstköder von „HS“, Horst Schröder aus Berlin-Hohenschönhausen, und vom VEB Angelsportgeräte Berlin, Rosenfelder Straße, hergestellt.

Jan Lock

 


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Solidor-Spinner
Für Politbonzen oder West-Kunden: Pracht-Display mit Solidor-Spinnern.

Von Zett bis Zepp

Vor der Gründung der DDR zählte der Effzett-Blinker zu den wichtigsten Ködern an Deutschlands Angelruten. Der Erfolgsköder wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Fritz Ziegenspeck, Inhaber der Deutschen Angelgeräte Manufaktur DAM, in Berlin entwickelt. Das Problem: Die Firma befand sich in Schöneberg, West-Berlin. Kurzentschlossen wurden in der DDR mehre Imitationen produziert: „Die im Handelsangebot als Z-Blinker bezeichnete Ausführung entspricht in den Umrissen annähernd der ursprünglichen Form, ist aber wegen ihrer geringeren Materialstärke leichter. Die zweite Version, als Zepp-Blinker gehandelt, bringt zwar die Gewichte des Originalblinkers, ist aber insgesamt etwas breiter und entspricht daher nicht mehr der Originalform. Eine dem Original und Wölbung genau entsprechende Version wird in der BRD hergestellt“, verrieten Ulrich Basan und Armin Göllner 1982. Um die Sache kompliziert zu machen, fügten die Angel-Autoren an: „Eine Variante des Z-Blinkers ist der in der DDR hergestellte VZ-Blinker, der bei gleicher Länge wesentlich schmaler als der Z-Blinker ist.“

Sollten Sie mehr über DDR-Köder wissen, dann melden Sie sich: thomas.kalweit@paulparey.de
Im Heft 1/2008: Rapala – vom Holzschnitzer zum Weltkonzern.

Jan Lock

 

 

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