Der teuerste Haken der Welt

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Thomas Kalweit über die Luxusklasse unter den Angelhaken: den „Cadillac“ von Mustad.

Warum ein Big-Game-Muster der norwegischen Hakenschmiede nach einer amerikanischen Nobel-Karosse benannt wurde, ist schnell erklärt: Als der spezielle Blue-Marlin-Haken „7761“ in den 1950ern in den Handel kam, war für den Gegenwert von 1.000 Haken – der damals üblichen Verpackungseinheit für den Handel – auch ein nagelneuer Cadillac zu haben. Auch schon damals musste man für ein solches automobiles Schmuckstück eine gepfefferte Summe auf die Ladentheke blättern. Nur wenige Angelgeräteläden konnten es sich leisten, so ein teures Haken-Päckchen bei Mustad zu bestellen.

Die Cadillacs unter den Angelhaken waren handgeschmiedet, wurden mit dem Hammer aus einer glühenden Stahlstange herausgeschlagen. Ungewöhnlich war der sich zum Öhr und zur Spitze stark verjüngende Schenkel. Das Öhr wurde nicht wie bei allen anderen Haken gebogen, was den Stahl stark belastet, sondern aus dem flach geschlagenen Ende herausgebohrt. Eine Technik, die für außergewöhnliche Stabilität sorgte.

Mit solchen Verkaufs-Displays priesen Vertreter im Fachhandel Mustad-Angelhaken an.
Mit solchen Verkaufs-Displays priesen Vertreter im Fachhandel Mustad-Angelhaken an.

Mustads Flagschiff

In den 1960er Jahren musste Mustad den in reiner Handarbeit hergestellten Cadillac-Haken vom Markt nehmen, da die Kosten der aufwändigen Produktion einfach zu hoch waren. Man wollte das Muster nicht in Rolls-Royce-Haken umbenennen müssen…

Anfang der 2000er Jahre wurde die Haken-Legende von den Norwegern aber wiederbelebt und mit minimalen Abwandlungen in den Handel gebracht. Das Öhr ist mittlerweile gebogen und nicht mehr gebohrt. Auch 2009 war der „Super Marlin“ von Mustad noch der teuerste Haken auf dem Markt. Nur wenige handverlesene Exemplare dieses per Hand hergestellten Premium-Produkts werden in jedes Land geliefert. Ein Cadillac-Haken der Größe 14/0 hält einer Belastung von 382 Kilo stand, auch das kleinste Modell in der Größe 8/0 biegt erst bei mehr als 183 Kilo Zuggewicht auf. Heute kostet ein Mustad Super Marlin je nach Größe zwischen 8 und 15 Euro – pro Stück (Stand 2009)!

Null (0) steht für Ocean

Unsere noch heute gültige Hakengrößen-Skala stammt ursprünglich aus Redditch in England. Der größte Krampen bekam die Größe 1, bis hin zum kleinsten Häkchen wurde einfach weitergezählt. So kommt es, dass heute die kleinsten Haken mit der größten Zahl bezeichnet werden. Stipper fischen mit der Größe 22 auf kleine Ukeleis, wobei Karpfenangler Muster der Größe 1 einsetzen. Die Skala hörte bei 1 auf. Um aber auch riesige Haken für die Big-Game-Angelei in dieses System einordnen zu können, behalf sich die Haken-Industrie. Man zählte einfach weiter und fügte ein O für „Ocean Size“ (Ozean-Größe) hinzu. Aus dem O wurde dann irgendwann eine Null – 22, 20, 18, 16, 14, 12, 10, 8, 6, 4, 2, 1, 1/0, 2/0, 3/0 … Mustad hatte 2009 Haken bis 19/0 im Programm: Das größte Modell ist ein über 600 g schwerer Hai-Haken aus 1,3 cm dickem Stahl, Schenkellänge 36 cm!

Einzeln verpackt: Ein „Super Marlin“ der Größe 12/0 – die Null steht für Ozean.
Mit Hans Mustad fing alles an: Er startete 1877 in Norwegen die Hakenproduktion. Bild: Mustad

Haken für die Welt

Die Firma Mustad wurde 1832 in Gjøvik am Westufer von Norwegens größtem See, dem Mjøsa, gegründet. Anfangs produzierte der Gründer Hans Skikkelstad in seiner kleinen, wasserbetriebenen Hammermühle am Flüsschen Hunnselva vor allem Draht und Nägel. 1843 übernahm dann sein Schwiegersohn Ole Mustad die Geschäfte. Für uns Angler ist vor allem Oles Sohn Hans von Bedeutung. 1874 wurde er zum Mitbesitzer der Firma, die von nun an unter dem Namen „O. Mustad & Sön“ firmierte. 1877 produzierte man auf Anregung von Hans Mustad den ersten Angelhaken in Gjøvik.

Die Basis für den Welterfolg war die automatische Fertigung, eine spezielle Maschine, die Mustad-Mitarbeiter Mathias Topp erfunden hatte. Jahrzehntelang konnten die Konstruktionsgeheimnisse der Wunder-Maschine vor Industriespionen verborgen werden. Die Grundlage für den Welterfolg!

Die südnorwegische Firma entwickelte sich zum weltweit führenden Angelhaken-Hersteller. In den 1930er Jahren zählten zum Weltkonzern 25 Firmen in 13 europäischen Ländern. In ihrer Firmengeschichte stellte Mustad nicht nur Haken her: So verrückte Dinge wie Waffeleisen, Büroklammern, Heftzwecken, Margarine und Reißverschlüsse verließen die Werke. Um Produktionskosten zu sparen, wurden ab 1972 sukzessive immer mehr Teile der Produktion nach Asien ausgelagert. Und die Expansion ging weiter: 1996 kaufte man den traditionsreichen britischen Hakenhersteller „Partridge of Redditch“, der dann später wieder verkauft wurde. Seit 140 Jahren ist Mustad der führende Hakenhersteller der Welt. 2009 produzierte das Familienunternehmen mit 900 Mitarbeitern jährlich Milliarden von Haken in 15.000 verschiedenen Varianten, die in 160 Länder geliefert wurden. Es gab auch schon Zeiten, da hat Mustad mit über 100.000 verschiedenen Hakenmodellen zeitgleich den Handel bedient.

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