Blechlawine

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500 Millionen Mepps-Spinner wurden in den letzten 70 Jahren produziert. Thomas Kalweit über den populärsten Köder der Welt.

 mepps

Wie ein schillerndes Insekt flattert der Spinner in der Strömung, umschwirrt gekonnt eine Stromschnelle, taucht surrend in den schwarzen Gumpen ab – Biss! Mit einem Schnalzen strafft sich die Schnur, ausladend verneigt sich die Rutenspitze…
Die Forellen im Wolf-River rissen sich regelrecht um seinen unscheinbaren Messingköder. Todd Sheldon, Inhaber eines gutgehenden Angelgeschäftes in Antigo, Wisconsin, hatte ihn vor Jahren geschenkt bekommen. Als hässliches Entlein führte der schlichte Spinner mit der Aufschrift „M.E.P.P.S.“ bis zu diesem Tag ein Schattendasein in der gut gefüllten Ködertasche des Amerikaners. Schnell fing er an diesem Morgen des Jahres 1951 drei weitere Forellen, zusammen brachte seine Tagesbeute fast 6 Kilo auf die Waage.

 


 

Mepps Shimmy
Die Produktion des Shimmys, der erste Mepps-Spinner, begann 1938.
Der ungewöhnlich fängige Spinner stammte aus Frankreich. Ein Soldat namens Frank Velek hatte Sheldon das Muster aus dem zweiten Weltkrieg mitgebracht. Die Dollarzeichen funkelten in seinen Augen, er witterte das Geschäft: Er musste diesen französischen Wunderköder an die Wolf-River-Angler verkaufen! Abends hing Sheldon am Telefon: Velek hatte noch Briefkontakt mit einer Französin, sie würde ihn im Tausch mit Nylonstrümpfen mit Mepps-Spinnern beliefern.
Ein Paket Nylons ging nach Europa, ein Päckchen mit 200 Spinner kam postwendend zurück. Die Köder verkauften sich schneller, als die Französin mit ihren Freundinnen die Netzstrümpfe auftragen konnten. Sheldon nahm deshalb über Velek direkten Kontakt zur Mepps-Fabrik in Nizza auf…

Wie alles begann

In den 1930er Jahren konstruierte der Pariser Ingenieur André Meulnart noch Autos bei Peugeot, doch in seiner freien Zeit tüftelte er schon an abenteuerlichen Angelrollen-Modellen. Er baute die erste französische Stationärrolle – mit dem Namen „Vamp“ ist die dämonische Verführerin bis heute legendär.

Meulnart ließ sich 1938 auch einen Spinnköder patentieren. Das Patent für den „Mepps Shimmy“, wohl sein erstes Spinner-Modell, reichte er am 14.10.1938 ein. Am Pariser Boulevard de Strasbourg gründete er die Firma M.E.P.P.S. Die Abkürzung steht für „Manufacturier D’Engins de Precision pour Pêches Sportives“ – „Hersteller von Präzisionsgeräten fürs Sportangeln“. Erst später zog der Betrieb um ins sonnige Nizza.
Jahrelang fristete sein Mepps-Spinner ein kümmerliches Dasein, kaum jemand wollte ihn haben. Kein Anzeichen davon, dass er einmal der erfolgreichste Kunstköder aller Zeiten werden sollte. Talent reicht nicht immer aus, es ist auch Glück nötig: 1951 lag dann der Brief von Fran Velek und Todd Sheldon aus den USA in seinem Briefkasten. Fortan sollten Massen von französischen Spinner in die USA gehen.

 

 


 

Wirbelnder Weltstar

Der Verkauf in den USA schlug so gut ein, dass sich Sheldon 1956 von seinem Angelgeschäft trennen konnte und eine eigene Firma nur für den Vertrieb von Mepps-Spinnern gründete. Schon 1960 brachte er jährlich 500.000 französische Köder an die US-Angler. Mepps wurde zur erfolgreichsten Köderfirma der USA. In den 1980ern verkaufte das Unternehmen 18 Millionen Exemplare pro Jahr.

Der bekannteste Mepps-Köder ist zweifellos der Aglia, weltweit bekannt als „French Spinner“, der mit dem berühmten französischen Blatt, oval geformt und leicht gewölbt. Benannt wurde er sinniger Weise nach einem flatternden Schmetterling, dem Pfauenspinner „Aglia tau“. „Kein anderer Köder hat so viele Rekordfische gefangen, wie der Aglia“, verrät der Hersteller in einem Prospekt.

 

 


 

Mepps-Puschel
Aus einem Katalog von 1978: Für amerikansiche Musky- und Schwarzbarschangler wurden die Mepps-Spinner in den USA mit Haarpuscheln getunt.

Büschel bringt Biss

Todd Sheldon hatte bedeutenden Einfluss auf die Fortentwicklung der Köder: Anfang der 60er Jahre fischte er wieder am Wolf River, mit seinem Spinner fing er prächtig. Doch er traf dort einen Jungen, der deutlich größere Forellen erwischen konnte. Auch der Kleine fischte mit Mepps, nur hatte er ein kleines Büschel Eichhörnchenhaare an den Drilling gewunden. Seit diesen Tagen steht ein großes Holzschild vor der Mepps-Fabrik am Highway 45 in Antigo: „Squirrel Tails wanted!“, Eichhörnchenschwänze gesucht. Für die Jäger der Gegend ein gutes Zubrot. Mepps sucht vor allem das Winterfell der Nagetiere. Über 300.000 buschige Schwänze finden heutzutage jährlich ihren Weg an die Drillinge verschiedenster Mepps-Köder, und noch 100.000 Bucktail-Schwänze vom Weißwedelhirsch dazu.

 

 


 

Mepps
1972 kaufte Sheldon sogar die gesamte Firma Mepps. Die Köder für den US-Markt werden auch heute noch in Antigo zusammengebaut, Mepps ist einer der größten Arbeitgeber der Stadt. Der Rest der Welt wird von Contes bei Nizza aus mit Mepps-Spinnern versorgt. Dort im Tal du Taillon stellen die Mitarbeiter Köder für 80 Länder her. Die Einzelteile für die USA werden in Frankreich hergestellt und für amerikanische Musky- und Schwarzbarsch-Angler dann speziell in Antigo hergerichtet.

5.000 Mepps-Köder

Gute Nachricht für Sammler: Um die 5.000 verschiedene Meppsköder sind inzwischen in den Handel gekommen. Die Köderschmiede geht davon aus, dass in den fast 70 Jahren über 500 Millionen „Meppse“ produziert wurden. Zusätzlich liegen weltweit mehr als 100 Imitationen und Plagiate der Erfolgsköder in den Läden.
Doch was macht die Mepps-Spinner so erfolgreich? Der Ur-Spinner wurde bereits 1852 in den USA erfunden – als Meulnart den ersten Mepps ausstanzte, gab es also schon bereits seit Jahrzehnten Tausende von Spinnermodellen. Über das einzigartige Erfolgsgeheimnis der französischen Köder wird spekuliert: Durch das gewölbte Blatt rotieren Aglia & Co. bereits bei geringster Einholgeschwindigkeit, das ist unbestritten. Bill Sheldon, der Sohn von Todd Sheldon hat eine knackigeres Rezept für den Welterfolg parat: “heavy advertising”, jede Menge Werbung!

 

 


 

Fängiger Winkel

7 Jahre, nachdem mit dem „Shimmy“ der erste Mepps auf den Markt gekommen war, folgte 1945 der „Aglia“. Mit einem Rotationswinkel von 60 Grad ließ sich dieser Köder wie ein flatternden Schmetterling extrem langsam führen. 1968 verließ dann der erste „Comet“ die Mepps-Fabrik. Wie eine Sternschnuppe huscht er mit einen Rotationswinkel von 45 Grad durchs Wasser. Es folgten Modelle mit noch weniger Einholwiderstand: Das Spinnerblatt des „Aglia Long“ brachte es später nur noch auf einen Winkel von 30, der Lusox auf müde wedelnde 25 Grad.
In der RAUBFISCH-Ausgabe 3/2008 berichtet Thomas Kalweit über den „roten Lappen“, den allerersten Softbait zum Hechtangeln.

 


 

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