Köder vom Genie

1643


Thomas Kalweit über Alexander Behm, dessen Erfindungsgeist nicht nur Fische in den Kescher führte, sondern auch hunderten Menschen das Leben rettete.

Jan Lock

„Spinnt ausgezeichnet, Bewegung genau wie flüchtender Fisch!“ Mit dieser erfreulichen Bemerkung skizzierte Alexander Behm am 10. April 1912 in Mödling bei Wien einen 3-teiligen Gliederköder in sein Erfinder-Tagebuch. Nur 4 Tage später sollte vor Neufundland die stolze Titanic mit einem Eisberg kollidieren.
Wo hier der Zusammenhang liegt? Bewegt von dieser ungeheuren Schiffskatastrophe mit 1.500 Opfern, begann der Physiker an der Entfernungsmessung durch Schallwellen zu forschen, als Frühwarnsystem vor Eisbergen. Behm experimentierte in einem 5-l-Goldfischbecken. Schon im September 1912 hatte er die zündende Idee: „Ausgedacht habe ich das Echolot beim Angeln, so dass also Angelsport und Echolot in engster Verbindung miteinander stehen.“ Zurück vom Wasser tippte er die Patentschrift „Einrichtung zur Messung von Meerestiefen und Entfernungen“ in die Schreibmaschine. Das Echolot war geboren.
Der Leiter der Physikalisch-Technischen Versuchsanstalt in Wien kündigte seine Stellung und zog um nach Kiel. Nur dort fand er die für seine Experimente notwendigen Wassertiefen. Behm kaufte das alte Kanonenboot „Otter“ und kreuzte mit dem umgebauten Laborschiff in der Heikendorfer Bucht. Erst nach 8 Jahren intensiver Tüftelei hatte er sein Echolot zur Serienreife gebracht. Bei den ersten Modellen musste noch mit einer Pistole ins Wasser geschossen  werden, um einen lauten Knall zu erzeugen. Die neue Technik war somit bei den Fahrgästen nicht sonderlich beliebt. Das „Behmlot“ wurde nicht nur in der Schifffahrt eingesetzt, auch auf Luftschiffen und Flugzeugen machte es Karriere.

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Alexander Behm
Rechts der Behm-Kettenzopf, links der Behm-Kugelspinner.

Einstein des Angelns

Behm erfand aber nicht nur das Echolot, insgesamt meldete er über 110 Patente an – darunter auch die „unhörbare Hundepfeife“. In seiner Freizeit grübelte der große Denker unermüdlich über die Verbesserung von Angelgeräten. Bereits mit 25 Jahren entwickelte er einen sehr erfolgreichen Huchenzopf aus Messingketten, „auf welche kurze Gummischlauchabschnitte von Regenwurmfarbe gezogen waren.“ Der künstliche Köder imitierte die damals üblichen Zöpfe aus Bachneunaugen perfekt.

Der Mangel an Gummi während des 1. Weltkrieges zwang ihn zur Entwicklung eines neuen Zopf-Modells: Hier wurden bunte Wollfäden durch die Kettenglieder gezogen, die Kettenenden schmückten Quasten aus Hahnenfedern. Die neuen Zöpfe stellte die Noris-Fischereigeräte GmbH in Nürnberg her. „Durch den neuen Behmzopf ist in der großen Reihe der Behm-Köder der Angelsportgemeinde ein ganz neu- und eigenartiger Köder beschert worden, der mit nichts Bekanntem zu vergleichen ist“, schwärmte Otto F. Geißler, damaliger Inhaber der fränkischen Angelgeräte-Schmiede.

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Behmblinker
Geformt wie ein Schiffsrumpf – der berühmte Behmblinker.
Alexander Behms bekannteste Erfindung für Angler ist aber zweifellos der Behm-Blinker, den er sich ab November 1931 als „Künstlicher Fischköder“ für Deutschland patentieren ließ. Der wie ein Bootsrumpf geformte Blinker mit stabilisierendem Ruder lässt die Beschäftigung des Forschers mit der Schifffahrt erkennen. Seine „Bewegung ist gekennzeichnet durch eine ruckartige Rotation bei gleichzeitigem Hin- und Hertaumeln des Köders. Die Aufhängung des Blinkers erfolgt exzentrisch in einer Reihe von Löchern am Rande des Kopfes und gestattet den Lauf in mannigfacher Weise zu verändern“, so pries Stork in München den futuristischen Köder an. Gleich waren Fälschungen des neusten Modells in Umlauf: „Ein nachgeahmter Spinner ist durch Indiskretion in einer verballhornten Nachahmung, die Gott sei Dank aber nicht meinen Namen trägt, in den Handel gekommen“, ärgerte sich der Physiker. Fast täglich notierte Behm Erfindungen für Angler in sein Tagebuch: einen Frosch-Köder, eine spezielle Weitwurf-Rolle, verbesserte Ruten-Konstruktionen, unzählige Fliegenmuster, spezielle Lösungen zum Präparieren von Fliegenschnüren… 3 dicke Bände werden noch heute sicher in einem Kieler Museum verwahrt – ein unendlicher Fundus des Anglerwissens. Die anderen Tagebücher sind auf dunklen Wegen in Sammlerkreisen verschollen.

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Alexander Behm
Emsiger Tüftler: Alexander Behm meldete über 110 Patente an.

Spitzname: „Ich hab’s!“

Karl Friedrich Franz Alexander Behm erblickte am 11. November 1880 im mecklenburgischen Sternberg als Sohn eines Postbeamten das Licht der Welt. Im Nachbarort Parchim fing er „den ersten Fisch an krummgebogener Stecknadel“. „Das erste sportliche Gerät, eine Fliegenrute von Ziegenspeck“, sparte er sich als einziger Angler der Familie groschenweise zusammen. „Auch die erste Fliege trat in Tätigkeit, aber mit einem langen Regenwurm geschmückt“ – gleich beim ersten Versuch fing er mit dem seltsamen Köder-Cocktail insgesamt 16 Pfund gute Stachelritter, die beste Barschstrecke seines Lebens.

Den ersten Blinker bastelte der jugendliche Ködererfinder aus einem vernickelten Pfeifendeckel, den er zufällig auf der Straße fand. Behm war kein Musterschüler, der angelverrückte Knabe musste sogar eine Ehrenrunde drehen. Nach der Mittleren Reife begann er eine Ausbildung als Büchsenmacher. Alexander hatte einen Faible für die Metallbearbeitung an der Drehbank, trotzdem schloss der ebenfalls passionierte Jäger die Lehre nicht ab.
In Karlsruhe konnte er auch ohne Abitur ein Physik-Studium antreten, das er ebenfalls abbrach. Doch wegen seiner offensichtlichen Begabung wurde er Assistent am dortigen Physikalischen Institut. Später verschlug es ihn nach Wien, dort leitete er die Physikalisch-Technische Versuchsanstalt. Nach Feierabend fischte er auf die im Neustädter Kanal häufigen Aitel. Um sie besser überlisten zu können, entwickelte er die Behm-Fliege und den Kugelspinner, ein Haarbüschel mit Propellerkopf. Aber auch auf Huchen angelte er in Österreich, über 100 Donaulachse fielen auf seine Köder herein.

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1920 gründete Alexander Behm in der Holtenauer Straße 198 in Kiel die Behm-Echolot-Fabrik. In der dortigen „Abteilung Fischerei“ wurden auch Köder hergestellt und vertrieben. „Ich hab’s!“ – so wurde der ständig tüftelnde Erfinder hinter vorgehaltener Hand von seiner Belegschaft genannt. Als die Nazis ihn zur Entwicklung kriegswichtiger Echolote für die U-Boot-Flotte zwingen wollten, zog er sich in seine Fischerhütte nach Tarp an sein Pachtgewässer Treene zurück. Diese komfortable, achteckige Hütte mit Schilfdach hatte er sich nach eigenen Plänen in Schleswig-Holstein erbauen lassen – unter einer abendrotfarbenen Kuppel kreisten dort 8 ausgestopfte Fischreiher über einem Leuchter aus Hirschgeweihen.
Weil seine Erfindung des Echolots so viele Menschen vor dem Tode bewahren sollte, verlieh die Universität Kiel dem weltbekannten Erfinder 1928 die Ehrendoktorwürde der Medizin. Noch im hohen Älter überquerte der angelsportverrückte Doktor trotz steifen Knies und Beinprothese mit Hilfe eines Begleiters Wassergräben und Stacheldrahtzäune. Ein Jahr vor seinem Tod landete der greise Erfinder noch einen 9-pfündigen Lachs.
Der Physiker Dr. h.c. Behm starb schwer zuckerkrank am 22. Januar 1952 im Alter von 71 Jahren in Kiel. Er wurde in Oeversee, südlich von Flensburg, beigesetzt.
Sollten Sie mehr über Behms Ködererfindungen wissen, dann melden Sie sich beim Autoren: Tel. 02604/978-175, E-Mail: thomas.kalweit@paulparey.de
In der RAUBFISCH-Ausgabe 6/2007 berichtet Thomas Kalweit über Kunstköder aus der DDR.

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