Abu Hi-lo: Lippenbekenntnis

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Thomas Kalweit über die Historie des Hi-Lo-Wobblers von Abu, der dank seiner verstellbaren Tauchschaufel ein wahrer Alleskönner ist.

Jan Lock

Göte Ingvar Borgström fischte regelmäßig auf Hecht. Er zupfte allabendlich plumpe, aus Holz geschnitzte Köder an Schilfgürteln vorbei. Die gierigen Raubfische liebten seine hässlichen Holzstücke – sie hatten keine Lackierung, nur mit Hilfe einer Flamme wurden sie geschwärzt. Trotzdem trat für Göte ein Problem auf: Im Frühjahr brauchte er einen Wobbler, mit dem er flache Laichbuchten abfischen konnte. Im Winter musste sein Holzköder dagegen tief runter an den Grund des Sees. Der Schwede war ein Mann der Tat: Er montierte einfach eine weiche Blechlippe an sein Holzfischchen, die er nach Bedarf verbiegen konnte.

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Leider verstellte sich diese Tauchschaufel häufig beim Auftreffen auf die Wasseroberfläche. Doch Borgström war nicht irgendein Allerweltsangler, er war Inhaber der AB Urfabriken, einer aufstrebenden Angelrollen-Fabrik. Åke Murvall, der Designer seiner Record-Multirollen, konstruierte ihm nach weiteren Tests und verschiedenen Prototypen einen perfekt funktionierenden Mechanismus.
Am 8. Oktober 1953 meldete Borgström seine Erfindung in Schweden als Patent an, im Oktober 1954 folgten die Patentrechte in Deutschland und in den USA. „Die Erfindung bezieht sich auf Spinnköder für den Fischfang mit einer Steuerflosse zur Regelung des Tiefgangs, welche um eine sich in Querrichtung erstreckende waagerechte Achse schwenkbar ist“, erklärt die deutsche Patentschrift umständlich den anglerischen Quantensprung.

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Abu Hi-Los

Know How von Heddon

1954 reiste Göte zusammen mit seinem Sohn Len nach Chicago, wo sie eine wichtige Angelgeräte-Ausstellung im Hilton Hotel besuchten. Kontakte mit dem Giganten Heddon wurden geknüpft. Die berühmte Traditionsfirma fertigte damals schon seit fast 60 Jahren Kunstköder – James Heddon schnitzte 1898 den ersten Jerkbait der Welt. Bereits in den 1950er Jahren verließen bis zu 15.000 Köder täglich das Heddon-Werk in Dowagiac, Michigan.
Die Schweden übernahmen den Skandinavien-Vertrieb der US-Köder. Im Gegenzug durfte Heddon Götes Hi-Lo Patent auch in den USA produzieren. „Bei Heddon guckten wir uns die perfekte Herstellung von Kunststoff-Wobblern ab. Das wunderschöne Finish wurde dann zum Markenzeichen für alle Abu-Köder“, schrieb Len Borgström 2006 in seinen Memoiren. Die ersten US-Modelle waren mit „Heddon ABU Hi-Lo River Runt Spook“ gemarkt, sie sind heute die mit Abstand seltensten Hi-Lo-Wobbler.

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Heddon River Runt
Der Jahrzehnte ältere Heddon „River Runt“ ist baugleich mit dem Abu Hi-Lo – bis auf die verstellbare Tauchschaufel.
1955 erschienen dann die ersten tiefenverstellbaren Wobbler als „Nyhet“ zusammen mit Heddon-Wobblern im schwedischen Katalog der AB Urfabriken. Sie trugen den genialen Namen Hi-Lo, abgleitet vom englischen High-Low für Hoch-Tief. Ein Köder mit „Hüftschwung à la Marilyn Monroe“ schwärmten die Katalogschreiber, „hergestellt nach der unübertroffenen Heddon-Methode“. Das Design der Hi-Los war im Grunde uralt und abgekupfert. Die damals schon seit Jahrzehnten in den Läden hängenden Heddon-Wobbler „Vamp Spook“ und „River Runt“ waren in der Optik identisch – bis auf die verstellbare
Tauchschaufel.
Die 1955er Modelle wurden mit „ABU HI-LO SWEDEN“ bedruckt. Die Tauchschaufeln der allerersten Modelle in 26 Gramm waren noch schwarz, aber schon bald hatten die Hi-Los nur noch eine silberne Tauchlippe. 1956 folgte der Aufdruck „PATENT“ auf den Ködern. Die unpatentierten Köder des ersten Jahres sind selten und verständlicherweise bei Sammlern besonders begehrt, besonders die Wobbler mit schwarzer Tauchlippe. Vor allem das extrem seltene Farbmuster XBG besitzt oft die schwarze Schaufel.

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1958 folgte eine Verbesserung: Die 5 Rasterungen der Tauchlippe wurden um die Oberflächeneinstellung „surface popping“ ergänzt. Ein Zugeständnis an den schwarzbarschverrückten US-Markt. Zudem fiel die Tauchschaufel in der Folgezeit deutlich breiter aus. Die Sammler freuen sich: Aufgrund dieser Tatsache lassen sich heute die frühen Modelle ziemlich einfach und zeitlich genau einordnen.

 

 


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Schaufelbreite
Praktisch für Sammler: Hi-Los mit schmaler Tauchschaufel und 5 Rastungen wurden vor 1958 hergestellt.

Hi-Lo: Einer für alles

Die Wirkung der patentierten Tauchlippe ist nicht einfach zu erklären, denn das Hockklappen der Schaufel bringt den Wobbler auf Tiefe, das Runterklicken macht ihn zum Oberflächenköder. Auch die Autoren der Abu-Kataloge kamen Jahr für Jahr in Erklärungsnöte: „Die Tiefenschaufel des ABU-Hi-Lo ist verstellbar. Von ganz flach (für ganz tiefes Fischen) bis ganz steil (für das Oberflächenfischen)“ lautete der Versuch 1977. „ABU Hi-Lo – sieht aus wie ein bulliger Fisch und benimmt sich so. Sucht seine Opfer in jeder Tiefe“ folgte als Slogan 1978. Viele Angler sind damals dem charmanten Knäckebrot-Deutsch der Schweden erlegen und griffen im Angelgeschäft zu.

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1981 wurde mit der Umfirmierung in „Abu Garcia“ die Hi-Lo-Produktion von Schweden nach Japan verlagert, später dann nach Taiwan. In Asien erfolgte erneut eine Veränderung der Tauchlippen-Form, was zwangsläufig wieder zu anderen Laufeigenschaften führte. Gerade erlebt der Köder-Klassiker in Deutschland wieder eine Renaissance. In Skandinavien ist er seit über 50 Jahren nicht aus den Gerätekisten der Raubfischangler wegzudenken.

ABU-Erfolgsgeschichte

1921 begann Carl August Borgström in Svängsta am schwedischen Lachsfluss Mörrum mit der Herstellung von Taschenuhren. Er hatte die bankrotte, aber berühmte Halda-Uhrenfabrik übernommen, die bereits seit 1887 vor Ort produzierte. Borgström nannte seine Firma „AB Urfabriken“. Die Firma produzierte vor allem Gebührenzähler für Telefone und Taximeter.

Erst als Carl Augusts Sohn Göte die Firma 1934 übernahm, begann der begeisterte Sportfischer mit der Herstellung von Angelgeräten. 1941 startete AB Urfabriken mit der Produktion von Multi-Rollen unter dem Markennamen „Record“. Zu den besten Zeiten rackerten 1.500 Arbeiter im Werk in Svängsta. Erst seit Anfang der 60er Jahre nennt sich die Firma offiziell „ABU“.
1975 wurde das schwedische Familien-Unternehmen von der amerikanischen Firma „Incentive“ aufgekauft. Nach weiteren Besitzerwechseln ist ABU Garcia heute zusammen mit verschiedenen Weltmarken wie Fenwick, Berkley und Mitchell in der Firma „Pure Fishing“ vereint.

Thomas Kalweit

 

 

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