Das Gespenster-Fischchen

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Wie von Geisterhand geführt, huscht es durch die Schattenwelt. Es sucht nach dem Herrscher des Baches. Denn hier unten soll sie hausen, die knorrige Bachforelle.

Thomas Kalweit

Vielleicht spukte eine ähnliche Grusel-Geschichte aus dem Fischreich in William Browns Hinterkopf, als er seine Köder-Erfindung „The Phantom“ taufte. Dem schottischen Angelgeräte-Tüftler aus Aberdeen gelang Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem „Gespenst“ ein regelrechter Glücksgriff. Sogar in Deutschland rissen sich die Angler um den neuen Spinnköder, treffende Beschreibungen finden wir in Angelgeräte-Katalogen aus der Zeit: „Gespenster- oder Phantomfischchen, aus bester Seide gefertigt, wie eine Elritze, bunt bemalt oder wie Seezungenhaut gefärbt, mit Metallturbine und prima Drillingen montiert. Einer der besten künstlichen Spinner.“
Fast 100 Jahre lang verkaufte sich das Stoff-Fischchen von William Brown wie ein Dauerbrenner. Von den USA bis Indien lag es in zahlreichen Variationen selbst im kleinsten Angelgeschäft. Das Markenzeichen W.B. stand für außergewöhnliche Qualität und Verarbeitung: Jeder Köder wurde von zarten schottischen Frauenhänden zusammengenäht und naturgetreu bemalt, heutzutage unbezahlbar.
Auch das Angler-Idol der damaligen Tage, Francis Francis, schwärmte 1874 vom Geisterfischchen: „Ich habe eine hohe Meinung von meinem alten Bekannten Mr. Brown, dem Erfinder des Phantom-Fischchens. Der beste künstliche Köder, der jemals erfunden wurde.“ Der perfekte Werbespruch – das Francis-Zitat prangte über Jahrzehnte werbewirksam auf der Pappschachtel des Köders.

Jan Lock


Jan Lock

Phantom
Fingen wie von Geisterhand: die Gespensterfischchen.
Doch warum war der Phantom so ungewöhnlich fängig? Im Wasser weichte der geschmeidige Stoffköder auf und konnte von den Fischen ohne Argwohn eingeschlürft werden, unwiderstehlich vor allem für versnobte Salmoniden – von der Forelle bis zum Lachs. „Dieselben werden vermöge ihres weichen Körpers besonders gern vom Fisch genommen“, schwärmte die Firma D.A.M. in einem Katalog vom Anfang des 20. Jahrhunderts über den Phantom. Im Grunde war er der Urgroßvater unserer heutigen Softbaits à la Gummifisch oder Twister.
Ursprünglich hatte Brown seinen Köder zum Meerforellenfischen in britischen Küsten-Gewässern konzipiert. Doch später baute er Ausführungen für fast alle räuberischen Fischarten in Längen zwischen winzigen 1,3 bis zu unglaublichen 25 Zentimetern – letztere waren aufwändige Spezialanfertigungen für das Hecht-Trolling in tiefen Seen. Die Esox-Modelle fertigte man etwas robuster und bestückte sie mit Stahlseitenarmen, denn für die Salmoniden-Angelei wurden die Drillinge lediglich an damals üblichen Seidenwurmdarm geknüpft.

Köder mit Tücken

Der Phantom war empfindlich: Der zarte Seidenkörper hielt Hecht- und Lachs-Zähnen nicht lange stand. Nach wenigen erfolgreichen Angeltagen konnte der fängige, aber auch ziemlich teure Köder schon arg zerrupft aussehen. Zudem moderten die kaum trocken zu bekommenen Stoff-Fischchen ständig in der Köderdose vor sich hin. Deshalb sorgte 1881 die Firma Little & Co. in der Angelszene für Aufruhr: Mit einer Nobelversion des Phantoms aus gegerbter
Seezungenhaut – das Fischleder war ungeheuer zäh, im Wasser weich, durchscheinend und besaß ein lebensechtes Schuppenmuster. Damals eine anglerische Revolution! Viele Firmen zogen nach und brachten Phantome aus Rosshaargewebe, Aalhaut und sogar dünnem Drahtgewebe auf den Markt.

Jan Lock

 


Jan Lock

Phantom
Britische Handarbeit: Auch auf der Unterseite kunstvoll bemalt.
Es gab aber noch einen weiteren Nachteil: Bauartbedingt rotierte der Phantom ständig wie ein Wirbelwind um die eigene Achse – tückischer Schnurdrall war die Folge. Bei Angelschnur aus geflochtenem Pferdehaar oder Seidenwurmdarm ein ernstzunehmendes Handicap. Manche Angler schalteten deshalb bis zu acht Wirbel vor – das riet jedenfalls die Fachpresse damals den verzweifelten Lesern.
Aber ab 1889 konnten die Angler aufatmen, die Zeit der Perücken war vorbei. Der Tüftler Philip Geen integrierte einen Patent-Wirbel in die Schnauze des Phantoms. Geen war kein Unbekannter, er war Präsident der London Anglers’ Association und ein begnadeter Kunstköder-Erfinder. Die Verkaufszahlen des Phantoms explodierten regelrecht durch diese Innovation.
Doch wenn es dem Esel zu gut geht, dann geht er aufs Eis. Blind vom Erfolg machte der damalige Inhaber der Firma William Brown, David Bell, vielleicht den größten Fehler in der Geschichte der Angelgeräte-Industrie: Er ließ das Patent des genialen Nasen-Wirbels auslaufen. Auch damals schlief die Konkurrenz nicht, gleich traten die großen Gerätefirmen auf den Plan. Nicht nur die Hardy Brothers warfen in Massen entsprechende Köder mit Wirbel in der Nase auf den Markt.
Nach dem zweiten Weltkrieg verschwand der Erfolgsköder plötzlich aus den Katalogen, bis zuletzt hatten vor allem konservative britische Lachsangler dem Phantom und seinen unzähligen Nachfolge-Modellen die Treue gehalten. Doch der viel robustere, deutlich billigere, aber bei weitem nicht so fängige Devon-Spinner mit festem Metallkörper hatte sich nun durchgesetzt. Auch andere Kunstköder wie Blinker und Spinner wurden immer populärer.
Fast 100 Jahre lang hatte sich mit dem Phantom ein Ködermodell weltweit behaupten können, eine Erfolgsgeschichte ohne gleichen. Vielleicht kommt die Zeit für ein Revival…
Wissen Sie, warum Brown seinen Köder Phantom taufte? Dann melden Sie sich bei: thomas.kalweit@paulparey.de, Telefon 02604/978-175. Im Heft 4/2006 stellt Ihnen Thomas Kalweit den Bachteufel von Schrader vor.

Jan Lock

 

 

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