Freischwimmer – Gummifische

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Gummifische sollten immer dicht über Grund hüpfen, heißt es. Was aber, wenn die Räuber gar nicht dort stehen? Von Fredrik Harbort

 

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Freddy mit einem 40er Freiwasser-Barsch. Er biss zwei Meter über Grund.
Langsam schiebt uns der Elektromotor im Zick-Zack-Kurs über den See. Birger und ich sind akribisch auf der Suche nach einem kleinen Unterwasserberg, der uns auf der Tiefenkarte gute Chancen auf Barsche und Hechte verspricht. Nach einer gefühlten Ewigkeit plötzlich Hektik im Boot. Wo eben noch zwanzig Meter Wasser unter dem Kiel waren, steigt der Grund, wie uns das Echolot verrät, plötzlich rapide an. Genau auf elf Meter fliegt eine kleine Markierungsboje ins Wasser. Nach einer Wende knapp dreißig Meter von der Boje entfernt, ankern wir das Boot auf gleicher Wassertiefe, um aus sicherer Entfernung die Fische an der markierten Kante anzuwerfen. Genau hier erschienen kurz zuvor richtige Top-Echos großer Barsche und Hechte direkt am Grund – herrlich!
Sofort fliegen unsere Gummifische in natürlichen Braun- und Grüntönen zur Boje mitten in den Barschschwarm. Während mein Köder noch zum Boden sinkt, drillt Birger schon den ersten guten Barsch. Es geht Schlag auf Schlag, und wir können mit wenigen Würfen einige Fische knapp über 30 Zentimeter und zwei Hechtkontakte kassieren. Doch plötzlich kehrt Ruhe ein. Beim Einsammeln der Boje zeigt das Echolot gähnende Leere. Nur ein winziger Teil des ausgemachten Schwarms ist auf unser Fangkonto gegangen.

 


 

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Augen aufs Echolot: Freddy sucht Barsche. Das Echolot verrät einige Stachelritter etwas über Grund, erkennbar an den grünen Sicheln.

Über Grund

Während mir die Frage durch den Kopf wirbelt, wo zum Teufel sich die Räuber versteckt haben, taucht der Rest des Trupps plötzlich nur wenige Meter entfernt wieder auf dem Echolot auf – nicht mehr am Grund, sondern knapp zwei Meter darüber. Kein Wunder also, dass die Bisse plötzlich ausbleiben.
Fische, die vom Grund in so kurzer Zeit ins Mittelwasser aufsteigen, tun dies immer nur aus zwei Gründen: Entweder sie fressen, oder sie werden gefressen und flüchten in die höheren, vermeintlich schützenden Wasserschichten.
In unserem Fall mag wohl beides eine Rolle spielen, denn zwischen den raubenden, großen Barschen schießen auch die Hechte in der Tiefe des kristallkaren Wassers zwischen das Getümmel, um sich einen Teil des Kuchens zu sichern. Den Anfang dieser Kette bildet ein großer Schwarm von Binnenstinten, der verzweifelt durch das Mittelwasser tobt.

 

 


 

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Ein guter Hecht hat den Barschgummi genommen und liefert am leichten Gerät einen guten Drill. Wohl dem, der Stahl montiert hat.

Gut geschätzt

Die Aufgabe an diesem Angeltag ist für uns, die Köder etwa zwei Meter über dem Grund präzise dort anzubieten, wo die Panik unter Wasser am größten ist. Das ist beim Wurfangeln gar nicht so einfach, schließlich sieht man nicht, wo genau sich der Köder befindet. Nach dem Auswurf und dem ersten Bodenkontakt heißt es ab sofort, den Köder nicht mehr in kleinen Sprüngen über den Boden hüpfen zu lassen, sondern nur noch abwechslungsreich in geschätzten zwei Metern über dem Grund einzuleihern. Um in etwa abschätzen zu können, in welcher Tiefe wir angeln, lässt man den Köder zunächst bis zum Grund absinken, und zählt währenddessen die Sekunden, bis der Bodenkontakt erfolgt. Bei den nächsten Würfen können wir dann drei oder vier Sekunden vor dem erwarteten Grundkontakt mit dem abwechslungsreichen Einholen beginnen. Machen wir hin und wieder kurze Pausen, können wir den Köder recht zielsicher in dieser Wassertiefe führen und somit rasterartig alle Wasserschichten nacheinander vom Grund bis zur Oberfläche hin abfischen.

 

 


 

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An der Oberfläche zeigt der Hecht die Zähne, der kleine Haken sitzt aber sicher …

Unsere Taktik trägt sofort Früchte, und das Angeln wird plötzlich zum Kirschenpflücken. Bereits auf dem ersten neuen Ankerplatz landen wir genau neun Hechte und zwei Dutzend großer Barsche, von denen mehrere die 40er-Schallmauer deutlich durchbrechen. Während ein einheimischer „Grund-Angler“ vorbeirudert und sich über die in der letzten Zeit immer kleiner werdenden Barsche im See beschwert, erleben wir mit unserer ungewöhnlichen Methode eine Angelei der absoluten Extraklasse. Wenn der wüsste …

 

 


 

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… und Freddy kann den Räuber mit einem beherzten Griff landen.

Warum so hoch?

Interessant ist die Beobachtung, dass wir im Stillgewässer deutlich über dem Grund mit besonders großen Kalibern rechnen können. Dies gilt in bestimmten Perioden sogar für den Winter, denn aktive Räuber jagen auch in der kalten Zeit regelmäßig im Mittelwasser. Ich habe Kontakt zu einigen internationalen Eisanglern, die drei von vier Ködern bis zu drei Meter über den Grund oder sogar in der oberen Wasserschicht präsentieren – mit großem Erfolg. Genau diesem Prinzip folgen wir auch mit unseren eingeleierten Gummifischen.
Betrachtet man sich die Verhältnisse unter der Wasseroberfläche, erscheint es völlig logisch, dass ausgerechnet größere Räuber häufiger in den Gewässerschichten fernab vom Grund auf Beutezug gehen. Kleine Barsche ernähren sich zunächst primär von kleinen Flohkrebsen und diversen Wasserinsekten, die überwiegend in krautigen Bereichen, zwischen Steinen oder im versunkenen Holz grundnah zu finden sind. Hier ergattern auch allerhand kleine Brutfische genügend Nahrung, welche zugleich ebenfalls als Futter für Barsche und mittlere Hechte dienen.

 

 


 

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Der 86er Hecht hat den acht Zentimeter kleinen Barschgummi etwa drei Meter über Grund genommen.
Ausgewachsene Räuber sind dagegen eher an einem größer abgewachsenem Futterangebot interessiert wie Maränen, Binnenstinte oder ebenfalls im Freiwasser schwimmende Weißfische. Die größeren Hechte sind zudem ganz besonders heiß auf die Barsche selbst. Das im Mittelwasser lebende, Zooplankton fressende Futterangebot der größeren Räuber ist also maßgeblich entscheidend dafür, in welcher Wassertiefe wir angeln müssen, um erfolgreich zu sein.
Neben diesem Faktor spielt aber noch eine weitere interessante Beobachtung eine wichtige Rolle. Die Aktivität der Raubfische selbst ist maßgebend, und zwar ob sie im Falle einer Passivität eher zum Grund wandern oder in einer aktiven Fressphase sehr dicht den Futterfischen folgen und diese sogar nach oben treiben. Morgens und abends sind die Fische bevorzugt im Mittelwasser oder sogar an der Oberfläche auf Jagd, während sie erst am Mittag wieder passiv und scheinbar satt gefressen dicht am Grund lauern. Pünktlich und zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk lösen sich in erster Linie die besseren Fische vom Grund ab, während die kleineren Sicheln weiterhin die Bodenlinie des Echolots schmücken. Wer es also auf die größeren Räuber im See abgesehen hat, sollte es ruhig mal ein paar Meter über Grund versuchen.

 

 


 

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Im Freiwasser Trumpf: kleine Gummis mit schweren Köpfen.

Gummi punktet

Um die Räuber im Freiwasser zu finden, müssen wir mit einer Ködergruppe arbeiten, die in allen Wassertiefen gleichermaßen sinnvoll zum Einsatz kommen kann. Gummifische mit entsprechenden Bleikopfgewichten sind jetzt die dankbare Lösung für unser Vorhaben. Sie lassen sich auch dort langsam führen, wo Wobbler und andere Köder schnell versagen.
Je tiefer die Köder geführt werden, desto schlanker und schwerer muss der Gummifisch gewählt werden, um nicht zu sehr aufzutreiben. Runde Bleikopfformen lassen sich nicht nur weiter werfen, sondern geben Gummis einen extra flankenden Lauf, der ein Plus an Fängigkeit bedeutet.
Für Barsche empfehle ich schlanke Köder wie den 10 cm langen Statocaster von Quantum, 4″ Walleye Assassin, T-Tail Minnow, bestückt mit Rundkopfjigs zwischen 10 und 21 g.
(Bilder: Fredrik Harbort)

 

 

 

 

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