Hecht-Lockstoffe selbst gemischt

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Was lockt den Hecht zum Köder? Naturköder-Spezialist Thomas Kalweit hat sich dieser Fangfrage angenommen.

Im Klarsichtbeutel schwappt eine blassrötliche Brühe, der Auftausaft von zuvor eingefrorenen Köderfischen. Ich ziehe diese „bloody juices“, eine natürliche Mischung aus Fischblut und anderen Körpersäften, auf eine überdimensionierte Tierarzt-Spritze. Großzügig impfe ich meinen Köfi damit, im Wasser soll er die locken de Flüssigkeit langsam und verführerisch abgeben. Die Blutwolke wird den Hecht zu meinem Köderfisch führen.

Thomas Kalweit mit schönem Hecht. Schon lange wertet der Naturköderspezi seine Köderfische mit Düften und Aromen auf.
Um Fischöl und Wasser miteinander mischen zu können, schüttet Thomas etwas Lezithin, einen Emulgator, hinzu.

Der Auftausaft von Köderfischen ist das natürlichste Lockmittel. Darin enthalten sind alle Stoffe, die Hechte anziehend finden: Blut, Fischöle, Aminosäuren, Stress-Pheromone. Ein Problem: Bei Plusgraden verdirbt dieser Fischsaft extrem schnell und stinkt bald süßlich nach Verwesung.

Hechte einölen

Aber was lockt den Hecht zum toten Köderfisch? Klare Antwort: Ich weiß es nicht genau! Sehr wahrscheinlich sind es Zersetzungsprodukte des toten, am Grund liegenden Fischchens. Denn treten sie aus, bauen sich Proteine zu Aminosäuren ab. In den letzten Jahren hat sich deshalb in England Thai-Fischsauce aus dem Asialaden als guter Hecht-Lockstoff herauskristallisiert. Diese preiswerte Küchenwürze (etwa die Sorte „Squid“ mit 77 Prozent Sardellenextrakt) besteht aus Salz und aus monatelang fermentiertem Fisch.

Viele Hechtangler setzen Fischöle wie Lachs- oder Heringsöl als Lockstoff ein. Das Problem hier: Fischöl löst sich nicht im Wasser. Beim Aufklatschen aufs Wasser hinterlässt der so gepimpte Köderfisch einen großen Ölteppich auf der Oberfläche.

Wenige Sekunden, bevor der Bissanzeiger anschlägt, lässt sich oft ein Biss durch einen erneuten Ölteppich an der Oberfläche erkennen. Der Hecht hat den Köfi im Maul und quetscht das eingespritzte Öl aus ihm heraus, sofort steigt es in Richtung Wasserspiegel. An die Hechtnase gelangt das hydrophobe Fischöl aber nicht – oder nur in geringsten Mengen.

Durchs Schütteln entsteht eine milchige Emulsion. Sie ist nicht lange haltbar und sollte schnell verbraucht werden.

Vor allem bei Kälte im Winter ist Fischöl so dickflüssig, dass es noch nicht einmal durch die gröbste Spritzennadel passt. Manche Hechtspezis behelfen sich dann mit einer Pipette. Hecht-Guru Neville Fickling mischt sein Fischöl bei Minustemperaturen 50:50 mit sehr dünnflüssigem Weizenkeimöl. Dann passt es wieder durch die Spritzennadel. In England gibt es sogar fertiges „Ming Oil“ (von Lee Jackson) für Hechtangler zu kaufen, ein Mix aus Fisch und Pflanzenöl. Ein weiterer Tipp: Man kann auch Milch mit etwas Fischöl mischen. In Milch sind natürliche Emulgatoren enthalten, die Öl binden können. Diese Mischung ist aber nur einen Tag haltbar und sollte schnell aufgebraucht werden.

Geheimtipp Emulgator

Ebenfalls in England ist auch so genannates „winterized fish oil“ erhältlich. Diese Hechtlocköle werden vom Hersteller mit einem essbaren Lösungsvermittler (Emulgator) versetzt. Dadurch wird das Öl mit Wasser mischbar. Man kann sich ein solches wasserlösliches Öl auch selbst herstellen, entweder mit einem „Liquid Emulsifier“ aus dem Karpfenangler-Bedarf oder mit einem Schuss des Emulgators Lezithin, zu bestellen beispielsweise in der Apotheke. Lezithin wird aus Eiern oder Soja hergestellt, ist essbar und unschädlich. Schüttelt man etwas Fischöl und Wasser zusammen in einer Plastikflasche, dann verbinden sich beide Bestandteile nur sehr kurz, schnell trennen sich die Flüssigkeiten wieder. Mit der Zugabe von etwas flüssigem Lezithin hingegen entsteht eine milchige Emulsion, die als Hechtlockstoff hervorragend geeignet ist.

Lockstoffe selber mischen

Als Basis verwende ich am liebsten hochwertiges Lachsöl. Es kann als Tierfutterergänzungsmittel für Pferde und Hunde preiswert im Internet bestellt werden (pro Liter etwa sieben Euro, www.ebay.de). Auch in gut sortierten Karpfenangler-Läden oder – deutlich teurer – in der Apotheke ist es zu haben. Wer will, kann es mit anderen Fischölen, etwa Heringsöl, versetzen. Gut ist auch „Fosoil“ von Mainline, ein spezielles Fischöl aus der Fischzucht-Industrie. Man kann zum Aufpeppen auch das intensiv riechende Restöl aus der Sardinendose oder dem Sardellengläschen verwenden.

Den Fischöl-Mix spritzt man in den Köderfisch. Solch eine Aromabombe wird von den Hechten schnell gefunden.

Ich mische ein Drittel Fischöl mit einem weiteren Drittel Wasser und der gleichen Menge eines fischigen Amino-Produkts aus dem  Karpfenangelbedarf, dazu etwas flüssiges Lezithin als Lösungsvermittler. Gute Erfahrungen habe ich mit folgenden aminosäurehaltigen Liquids gemacht: „Amino-Mix“ und „Liver & Fish“ von Gulp! Carp (Berkley). Hervorragend fängt aber auch die bereits erwähnt Fischsauce. Wer möchte, kann diese Lockmischung noch mit ein paar Tropfen Hecht-Flavour versetzen, hierbei handelt es sich meist um rein chemische Geruchsstoffe. Von den Engländern werden vor allem folgende Düfte verwendet: Smelt (Stint, riecht nach frischer Gurke), Kipper (Räucherhering), Sardine, Makrele, Salmon (Lachs), Lamprey (Neunauge), Grayling (riecht nach Thymian).

Falls keine speziellen Hechtlockstoffe im deutschen Fachhandel zu bekommen sind, kann man auch in der Karpfentheke räubern. Denn auch Duftnoten wie Strawberry (Erdbeere), Bacon (gebratener Speck) und Liver (Leber) funktionieren seltsamerweise hervorragend auf Hecht. Die Raubfische finden offenbar auch in den fruchtigen und deftigen Gerüchen einige Inhaltsstoffe interessant. Empfehlenswerter ist meiner Meinung nach das Karpfen-Flavour „Activ-Pacific Tuna Ade“ von Mainline und auch alle anderen fischigen Geruchsstoffe aus dem Fachhandel.

Dem Experimentieren sind hier keine Grenzen gesetzt. Es dauert vielleicht etwas, bis man für die besonderen Gewässerbedingungen die perfekte Mischung gefunden hat. Das Ausprobieren lohnt sich aber, finden die Hechte den Köfi durch die Duftspur doch deutlich schneller – und das sogar nachts. Auch andere Raubfische finden die gepimpten Stinker interessant – lassen Sie sich überraschen.

Extra-Tipps

1. Spritzen und Nadeln gibt es in der Apotheke. Dort nach gröbsten Ausführungen für Tierärzte fragen.
2. Der komplett unschädliche Emulgator Lezithin (z.B. Fluidlecithin) wird in der Biokosmetik und Lebensmittelindustrie eingesetzt und kann über Apotheken und das Internet (z.B. www.ebay.de) bezogen werden.
3. Fischöle immer kühl und dunkel aufbewahren. Sie werden sonst  schnell ranzig und entwickeln einen scharfen Geruch. Das erkennt man
auch an der eingebeulten Kunststoffflasche.
4. Die Öl-Emulsion sollte nur in der benötigten Menge für den jeweiligen Angeltag angemischt werden. Durch das beigemischte Wasser ist sie nicht lange haltbar.

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