Mission Meterhecht (2)

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Jochen Böttcher ist sich sicher: Das Zeug zum Großfisch-Jäger hat nur der Angler, der sich voll auf eine Sache konzentrieren kann. Selbstvertrauen, Teamfähigkeit und Selbstkritik erleichtern den Weg zum Fang des Lebens.

 

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Der Autor präsentiert den Traum eines jeden Hechtanglers: Dieser Esox ist 135 cm lang und wiegt 40 Pfund.
Machen wir uns nichts vor: Meterhechte zu überlisten, hat nichts mit dem Stippen von Rotaugen zu tun. Die Bissfrequenz geht dabei schnell gegen Null. Ich kann zwar ehrgeizig und mit Leidenschaft bei der Sache sein, doch das alles hilft nichts, wenn ich in der einen und entscheidenden Sekunde nicht konzentriert bin. Ob auf bayerische Freiwasserhechte oder im Winter auf den Bodden – es kann durchaus vorkommen, dass man nur eine Chance am Tag bekommt. Wer dann gerade mit der Zigarette oder dem Schokoriegel beschäftigt ist oder vom Wasser abgewandt mit seinem Bootspartner plaudert, der ist oft nur zweiter Sieger und bleibt daher ohne Fisch.
 
Somit sollte Folgendes klar sein: Es gibt Phasen zum Plaudern und zum Essen und dann wieder Zeiten, zu denen konzentriert gefischt wird. Ich bin schon oft gefragt worden, warum es bei meinem Angelpartner und mir im Boot zeitweise so still ist, wir Rücken an Rücken stehen und mit immer gleichen Bewegungen wie „Schweizer Uhrwerke“ agieren. Meine Antwort ist immer kurz und knapp: „Wir fischen konzentriert!“ Unser Schweigen hält meistens so lange an, bis der Fisch im Boot ist. Dann hat die Stille ein Ende.
 

 

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Lohn der Ausdauer: Der Großhecht liegt im Kescher. Zum Verhängnis wurde ihm ein Riesentwister.

Beharrlichkeit

Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ist häufig der Schlüssel zum Erfolg. Frei nach dem Werbespruch einer bekannten Baumarktkette, sollte man „sein Ding“ durchziehen. Das bezieht sich beim Angeln vor allem auf die Art und Weise, wie man fischt, und auf die Auswahl der Köder und Stellen.
 
Wenn man neue Wege geht, sprich neue Gewässer, Methoden und Köder ausprobiert, ist ein gesundes Selbstbewusstsein hilfreich und auch notwendig. Denn der Erfolg stellt sich nicht zwangsläufig ein, oftmals auch gar nicht. Genau dann ist es wichtig, Ruhe zu bewahren. Ich kenne dieses Gefühl nur allzu gut. Man fischt konzentriert und ambitioniert, es beißt aber kein Schwanz. Die Kollegen fangen dagegen ihre Fische, so dass man selbst zu zweifeln beginnt. Jetzt heißt es, locker zu bleiben und seinen Weg weiter zu gehen – diese Einstellung hat mir schon oft geholfen.
 
Sich von der angelnden Mehrheit abzuheben, da zu fischen, wo niemand fischt, und Methoden und Köder zu verwenden, die oft nur belächelt werden, setzen ein gewisses Maß an Vertrauen in sich selbst und ein gutes Ego voraus. Dabei ist es völlig unerheblich, ob man seine ersten, zehnten oder dreißigsten Meterhecht fangen will, da die Vorgehensweise identisch ist. Den Unterschied machen nur die Erfahrungswerte aus, die man nach und nach gewinnt.
 

 

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Durchhalten: Wer mit solch großen Gummis angelt, bekommt weniger Bisse, steigert aber seine Chancen auf einen Großhecht.

Teamwork

Gezielt Meterfische fangen zu wollen, kann auf Dauer einsam machen. Nicht jeder will und kann es sich erlauben, viele berufliche und private Angelegenheiten diesem Ziel unterzuordnen. Häufig passen Angler auch von der Chemie nicht zueinander. Es können sogar Freundschaften an unterschiedlichen Zielvorstellungen zerbrechen. Hier sollte man sich genau in die Augen schauen, denn das Ziel lässt hinsichtlich der Richtung keine Kompromisse zu.
 
Fakt ist aber, dass die Jagd auf den Meterfisch im Team nicht nur erheblich mehr Spaß macht, sondern auch erfolgreicher und effektiver ist. Wer sich nur mal den Punkt Köderwahl vor Augen führt, wird schnell erkennen, dass der fängigste Köder bei 2 Anglern schon mal doppelt so schnell gefunden werden kann. Darüber hinaus fällt es im Team leichter, anglerische Misserfolge und Strapazen, die es garantiert geben wird, wegzustecken. Auf der anderen Seite zählt der gemeinsam erzielte Erfolg immer doppelt.
 

 

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Keine Bange: Kapitale Hechte inhalieren große Köder problemlos.

Selbstkritik

Jeder Angeltag auf den begehrten Meterfisch geht irgendwann zu Ende. Oft nicht mit dem gewünschten Ergebnis, sprich, der ersehnte Fang ist ausgeblieben. Dass das öfter vorkommt, als einem lieb ist, gehört untrennbar dazu, wenn man sich auf den Großhecht konzentriert.
Entscheidend ist in diesem Moment nicht der anglerische Misserfolg, sondern die Art und Weise, wie man damit umgeht. Sätze wie „Morgen wird’s schon werden“, „Bei dem Ostwind geht eh nichts“ oder „Die anderen haben ja auch nichts gefangen“ sind nichts als simple Ausreden, ohne das eigene Tun und Handeln kritisch zu hinterfragen.
 
Jeder Angler sollte deshalb in der Lage sein, die Gründe seines Misserfolges zu analysieren und eine gewisse Manöverkritik, insbesondere von seinen Angelpartnern, objektiv zuzulassen. Diese Kritik ist ein Geschenk, denn die Meinungen der Kollegen sollen zum Nachdenken anregen. Das ist der erste Schritt zum Erfolg am nächsten Angeltag. Derjenige, der seine Lehren aus dem Misserfolg zieht, kommt dem Meterfisch unweigerlich näher als derjenige, der ständig nach Ausreden sucht.
 

 

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Eiszeit: Man muss schon etwas verrückt sein, um bei so einem Sauwetter zu angeln. Aber gerade das macht den Spezialisten aus.

Richtiger Riecher

All die in die Waagschale geworfenen positiven Eigenschaften sind nutzlos, wenn das Glück und der richtige Riecher fehlen. Wird unsere Mission Meterhecht also von Faktoren gefährdet, die real nicht greifbar und nicht zu beeinflussen sind? Aus meinen persönlichen Erfahrungen kann ich nur soviel dazu sagen: Das Glück lässt sich erzwingen! Wer sein Ziel unbeirrt verfolgt, wer Stunden oder Tage mit gleichgesinnten Partnern unterwegs ist, um den Großfisch zu fangen, wer Wind und Wetter trotzt, wer sich Kritik anhören kann, wer positiv an die Mission Meterfisch herangeht und auch anglerische Misserfolge wegsteckt, dem wird auch das Glück zur Seite stehen. Glück hat eben auf Dauer nur der Tüchtige.
 
Hinzu kommt, dass der Tüchtige auch irgendwann den richtigen Riecher bekommt. Aus meiner Sicht ergibt er sich aus einem Zusammenwirken von allen hier beschriebenen Faktoren. Und somit gibt es bei der Jagd auf den Meter- oder Traumfisch am Ende doch eine Art von Gerechtigkeit, die sich, zugegeben etwas drastisch, folgendermaßen umschreiben lässt: „Winners are simply willing to do what losers won‘t“ – Gewinner sind einfach bereit, das zu tun, was Verlierer nicht tun würden.
 
(Bilder: Jochen Böttcher)
 


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